wortwechsel: Erfahrung, Rehaugen, schlicht schwarze Magie?
Die taz-Leserschaft rätselt, wie es nach Cem Özdemirs unglaublicher Aufholjagd in BW politisch weitergeht. Debatten in überalterter Gesellschaft nicht rückwärtsgewandt führen
Alternde Gesellschaft
wochentaz vom 14.–20. 3. 26
Ich möchte Andreas Hoffmann danken für seinen klaren, klärenden Text zum Un-Thema: „alternde Gesellschaft“. Und Ihnen, dass Sie das gedruckt haben! (ich habe es schön altmodisch ausgeschnitten und in einem zum Thema passenden Buch abgelegt, damit ich es auch wiederfinden kann.)
Sophia van Dijk, Herdecke
Demografie
wochentaz vom 14.–20. 3. 26
Für alles gibt es Gegenargumente. Wie immer geht es um das rechte Maß. Nicht so viele Kinder wie möglich, aber genug, um die Funktionalität von Staat und Gesellschaft aufrechtzuerhalten.
Überalterte Gesellschaften müssen erhebliche Anteile ihrer Ressourcen für die Pflege der Vergangenheit aufbringen, statt diese für die Zukunft einsetzen zu können. Überalterte Gesellschaften sind nicht wehrhaft und in jeglicher Hinsicht nicht dynamisch und vor allem kulturell wie intellektuell erstarrt. Man schaue sich nur an, wie rückwärtsgewandt die ganzen Debatten hier oder anderswo geführt werden …
„Die Zuwanderung stabilisiert den Sozialstaat.“ Unter günstigen Bedingungen ja, aber nicht per se. Neben dem Aspekt der individuellen Kosten-Nutzen-Abwägung muss man dazu auch eine Inklusion, wenn nicht sogar Assimilation, der Einwanderer anstreben, um politische Konflikte zu vermeiden.
Chris McZott auf taz.de
Kulturelle Öffentlichkeit
„Leipzig ist nicht Weimer“,
wochentaz vom 14.–20. 3. 26
Im „Kulturkampf“ wird von der CDU- Regierungsspitze bis zum Unvereinbarkeitsbeschluss auf dem CDU-Parteitag, nicht mit der „Linken“ zu koalieren, eine demokratische Mauer hochgezogen. Der Kulturkampf der CDU/ CSU geht weiter, auch „Buchläden“ stehen möglicherweise unter Extremismusverdacht, ohne jedoch die Fakten öffentlich auf den Tisch zu legen. Der „Geheimdienst“ wird hier bemüht, um die Kontrolle darüber zu behalten- wo staatliche Gelder hinfließen, so weit, so gut.
Staatsfeinde sitzen überall – besonders in sicherheitsrelevanten Behörden, die uns schützen sollten, Polizei, Bundeswehr etc., doch die gesamte „kulturelle Öffentlichkeit“ wird jetzt überwacht – ohne dass jemand davon erfährt. Intransparenz ist keine demokratische Grundhaltung, sondern genau das Gegenteil davon.
Thomas Bartsch Hauschild, Hamburg
Fußball – Analogien
„Warum hat die Partei gewonnen?“,
wochentaz vom 14.–20. 3. 26
Eine monokausale Erklärung scheint es für Cem Özdemirs Wahlsieg auf den ersten Blick nicht zu geben: Erfahrung, Rehaugen, schwarze Magie im Wirtschaftsministerium, der Ölpreisschock, die Häuslebauer, die um ihre Solaranlagen bangen? Der Befund ist eindeutig. Wählerwanderungen und Nichtwählermobilisierung haben die radikalisierten Konservativen und die Rechte gestärkt. Cem konnte nur mittels Kannibalisierung linker Stimmen zum Wahlsieger werden. Im Fußball würde man sagen: Ein genialer Wechsel zu einem erfahrenen Trainer im Abstiegskampf bescherte den Erfolg durch Bündelung aller Kräfte und Fokussierung auf das kurzfristige Ziel des Klassenerhalts.
Will das gerettete Team jedoch in Zukunft um die Meisterschaft mitspielen, reichen die Methoden des Abstiegskampfs nicht aus. Die Spielanlage muss geändert werden, eine neue Rollenverteilung im Team ist nötig, eine über den Tag hinausweisende Strategie und Taktik öffnet das Tor zum Gewinn der Meisterschale. Der Blick des neuen Trainers richtet sich nach vorne auf die besten Teams und nicht mehr auf die Abstiegskandidaten wie in der letzten Saison.
Ernst Gärtner, Karlsruhe
Wer braucht wen?
„Ist die Union eine Heulsusen-Truppe?“,
wochentaz vom 14.–20. 3. 26
Dass die Grünen den Auftrag (von sich selbst) haben, eine Koalition anzuführen und zu moderieren, ist ja wohl klar. Dass dabei auch wohl Özdemir bestimmt, was „das Beste“ ist, scheint auch klar – ich kann mir nicht vorstellen, dass Hagel irgendwas definiert. Allerdings wäre es bei einer machtbewussten CDU kaum so, dass beide Parteien einander brauchen – die CDU könnte eine Koalition mit den Grünen ablehnen und eine von der AfD tolerierte Minderheitsregierung führen.
Das heißt, eigentlich brauchten die Grünen eher die CDU als andersrum. Die CDU mit dem Bettvorleger Hagel hat sich allerdings freiwillig dieser Verhandlungsoption beraubt. Das war geschickt gemacht von den Grünen, und mit der Unterstützung von Merz, der Merkel immer ähnlicher wird. Mit so einem „geschickten“ Verhandlungsführer kann man sich ausrechnen wer in der Koalition „das Beste“ für sich herausholt.
Gerald Müller auf taz.de
Inhaltliche Kritik
„5 dinge, die wir gelernt haben“,
wochentaz vom 14.–20. 3. 26
Ein Ding, das ich gelernt habe: Auch meine geliebte taz ist nicht gefeit vor Schubladenbehauptungen mit Hasspotential. Richard David Precht als unterbelichteten dummdreisten Querdenkerschwurbler zu bezeichnen hat so was. Da hätte ich eine inhaltliche Kritik vorgezogen.
Bernd Brinkmann, Leichlingen
Strukturell ungerecht
„Kritik von Sozialverband und Psychotherapeuten-Kammer“,
taz vom 16. 3. 26
Rund drei Viertel der Psychotherapeut*innen in Deutschland sind Frauen. Psychotherapie ist damit eines der wenigen Felder im Gesundheitswesen, in denen Frauen die Versorgung dominieren. Frauen nehmen auch deutlich häufiger psychotherapeutische Hilfe in Anspruch als Männer. Das liegt nicht daran, dass sie „empfindlicher“ wären, wie es alte Klischees gerne behaupten, sondern daran, dass sie häufiger bereit sind, psychische Belastungen ernst zu nehmen und sich Hilfe zu suchen. Diese Abwertung ist kein Zufall, auch wenn die strukturelle Benachteiligung nach wie vor verleugnet wird.
Frauen werden auch als Patientinnen im Gesundheitssystem immer wieder zurückgestellt. Studien belegen seit Jahren, dass Schmerzen von Frauen häufiger heruntergespielt werden, dass ihre Symptome später ernst genommen werden und dass Diagnosen teilweise verzögert gestellt werden. Die berühmte „Hysterie“ ist zwar als Diagnose verschwunden, aber die Haltung dahinter lebt in vielen Strukturen weiter. Die Kürzung bei der Psychotherapie fügt sich nahtlos in dieses Muster ein. Sie ist ein Symptom.
Inga Müller, Hessen
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