wortwechsel: Aufstieg und Fall der Welt –„Mahagonny“ ist überall?
Systeme von Grund auf neu denken! Das schlägt ein Gastkommentar der Politikwissen-schaftlerin Yuen Yuen Ang in der taz vor. Eine Welt ohne industriell-koloniales Paradigma?
„Polykrisen und Polytunity: Die Welt neu denken. Wenn alles auf einmal zusammenzubrechen scheint, müssen Systeme von Grund auf neu gedacht werden. Das ist mehr als nur das übliche Patchwork“, taz vom 18. 1. 26
Polykrisen … Polytunity
Danke für diesen Beitrag von Yuen Yuen Ang! Endlich mal ein weiter Blick statt der üblichen Klagen. Ja, wir haben eine große Chance – und auch die Pflicht und Verantwortung –, wesentliche Paradigmen zu korrigieren. Wirtschaft und Gesellschaft sind „industriell-kolonial“ geprägt. Noch stehen bundesdeutsche Politiker für ein „Weiter so“. Wir hören ständig nur, dass die Wirtschaft wachsen müsse. Und warum nimmt man dabei diejenigen ins Visier, die wenig haben? Die Reichen will man verschonen. Man gehört ja auch dazu. Auf die Ärmeren wirft man einen verächtlichen Blick. Sie werden gerne als Versager dargestellt. Das Land ist aber kein Unternehmen, kein Konzern, kein Fonds. Es ist nicht nur Geld und Macht. Es ist eine Gemeinschaft von Menschen. Kanzler und Minister haben geschworen, dem Volk zu dienen und Schaden von ihm abzuwenden. Sie tun das Gegenteil.
Maria Gubisch, Gelnhausen
56.542 Einwohner hatte Grönland am 1. Januar 2025. Ich würde gern mehr davon erfahren, was diese Menschen sich vorstellen: Wie viele fänden es vielleicht auch gut, zukünftig US-Bürger:innen zu sein? Würden sie sich freuen – sofern sie über genug Geld verfügen –, zukünftig ohne Einreisebeschränkung in den USA arbeiten und leben zu können? Haben ihre Kinder mehr Bildungschancen in den USA? Ich erinnere, dass Dänemark grönländische Kinder in staatlichen Einrichtungen „umerzogen“ hat, wobei diese staatlichen Übergriffe immer noch nicht aufgearbeitet und entschädigt wurden. Es geht um kapitalistisch-gierige Rohstoffinteressen und die Einverleibung dieser Insel aus geopolitischen Erwägungen. Notfalls mit militärischen Mitteln, aber wer will sich mit den USA militärisch anlegen?
Elke Wetzel, Frankfurt am Main
Es gibt in der Welt kein Korrektiv mehr. Auf der ganzen Welt verstreute Autokraten dienen als Role-Models. Nach Maduros Verhaftung empörte sich die Welt kurz, leckte diplomatisch Speichel und murmelte – kaum hörbar – etwas von Völkerrecht. So aber lassen sich Rowdys nicht stoppen. Da hilft nur Stärke und klare Ansagen! Achim Bothmann, Hannover
Kommentare taz forum
Ich finde die Frage interessant, inwieweit unsere/meine Wahrnehmung, dass die Welt gerade irgendwie kurz vor dem völligen Zusammenbruch steht, einfach nur eurozentrisch und privilegiert ist. Erstens, weil die Welt für viele Menschen da draußen natürlich schon lange „zusammengebrochen“ ist, und zweitens, weil es sicherlich – wie die Autorin schreibt – in der Welt auch einige schöne Entwicklungen gibt. Von diesen Entwicklungen bekomme ich leider sehr wenig mit.
taz forum
Wolfgang Schäuble würde die Diskussion gefallen. Er sagte mal, wir brauchen eine richtig große Krise, um wieder voranzukommen. Er bezog das auf Deutschland. Heute ist es auf die ganze Europäische Union anzuwenden. Sie muss sich aus dem Würgegriff der von den Supermächten inszenierten Polykrise aus US-Zollterrorismus und russischem Brachialimperialismus ebenso befreien wie von inkompatiblen Mitgliedsländern wie Ungarn und der Unfähigkeit der EU, sich selbst zu verteidigen. taz forum
Auch im globalen Süden geht die allgemeine Entwicklung eher nicht in Richtung Moral, Freiheit und Demokratie – etwa wenn man die neu errichteten Militärdiktaturen in Mali oder Myanmar betrachtet, die islamistischen Regime in Syrien und Afghanistan, die ausgebliebene Demokratisierung nach dem arabischen Frühling, den Vormarsch des autoritären Neoliberalismus in Lateinamerika, die um sich greifenden Beschneidungen der Demokratie, sei es durch islamischen Konservatismus in der Türkei, sei es durch Hindu-Nationalismus in Indien. Saudi-Arabien und China sind extrem unfreie und repressive Systeme. taz forum
Noch ein „Trail of Tears“?
Wird Grönland bald Cherokee-Land? Trumps Aussagen zu Grönland erinnern stark an die aggressive Expansionspolitik der USA im 19. Jahrhundert. Damals wurden die Native Americans vertrieben und deren Land enteignet. Der „Trail of Tears“ war ein besonders schreckliches Beispiel dafür, tausende Cherokees starben. Es ist so wichtig, dass die internationale Gemeinschaft zusammensteht, um das Völkerrecht und die Selbstbestimmung Grönlands zu schützen. Die Welt sollte sich solidarisieren, um eine neue Ära der Kolonialisierung zu verhindern.
Dieter Grote, Dörentrup
Umverteilung muss sein
„Das System ist gekippt. Um die autokratische Ordnung zu stürzen, reicht es nicht aus, die Macht der Milliardäre anzugreifen, sagt der Ökonom William Lazonick. Es müsse umverteilt werden“, taz vom 17. 1. 26
Aktien-Rückkäufe führen nicht nur zu steigenden Kursen an der Börse, sondern verschönern gleichzeitig auch die Bilanz. Es werden nämlich gleichzeitig auch fiktive Werte in der Bilanz aktiviert, welchen nichts Reales gegenübersteht. Das erfreut nicht nur die Wirtschaftspresse, sondern gleichzeitig auch das Finanzamt. Das erfreut wiederum die Parteien und die Politik: Das bläht die ganze Blase immer weiter auf, bis sie das tut, was aufgrund der Physik der Materie unvermeidbar ist: Sie platzt! Das hatten wir genauso 1928/1929, 1933 und 1945! Das machen heute Trump und die Republicans, die Democrats, die CDU, die SPD, manche Oppositionsparteien, die meisten „Wirtschaftsweisen“ und sogar die Gewerkschaften und die Presse. Das passiert genauso in Frankreich, England und den anderen europäischen Staaten. Das passiert aber auch in Indien, Pakistan, Kanada, Afrika und Südamerika. Die leben doch auch alle in diesem Brecht’schen Mahagonny! Karl-Ernst Cramer, Brione, Schweiz
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