wortwechsel: Beziehung auf Augenhöhe und zuhören
Zuhören und Beziehung aufbauen ist die Grundlage für alles. Aber muss man tolerant sein gegenüber der AfD? Und welche Macht hat die Sprache? Kann „Fotze“ positiv sein?
Beziehung auf Augenhöhe
„Das Unbewusste lernt, sich zu wehren“, wochentaz vom 3. 1. bis 9. 1. 25
Mit Interesse und Zustimmung habe ich das Interview gelesen. Als Psychologin und Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie!) widerspreche ich der Aussage von Herrn Held, wonach sinngemäß nur die Psychoanalyse es hinbekommt, eine vertrauensvolle Beziehung (zu*r Patient*in) zu schaffen, und in der Verhaltenstherapie hingegen würde die Beziehung zwischen „Arzt und Patient“ „keine so starke Rolle“ spielen. Das stimmt so nicht: ohne funktionierende therapeutische Beziehung zwischen Psychotherapeut*in und Patient*in keine hilfreiche und nachhaltige Therapie. Die therapeutische Beziehung ist der zentrale Wirkfaktor in der Psychotherapie – egal, um welche Fachrichtung es sich handelt. Augenhöhe-Beziehung ist zentral und kein Alleinstellungsmerkmal der Psychoanalyse. Aus meiner Sicht ist ihr zu verdanken, dass auch die Emotionen mit der Zeit einen höheren Stellenwert in der Verhaltenstherapie erhalten haben. Dafür gebührt ihr Dank und Respekt.
Anke Hofmann, Sasbach
Soziale Abgrenzung
„Anglizismen – Modern Talking – Dead End“, wochentaz vom 27. 12. 25 bis 2. 1. 26
„Die deutsche Sprache verändert sich so schnell, dass nicht alle Schritt halten.“ Der Autor betrachtet das, was er „Neudenglisch“ nennt, als die deutsche Sprache unserer Zeit. Einige Anmerkungen dazu:
1. Natürlich ist es jedem gegönnt, in seinem jeweiligen Milieu Distinktionsgewinn zu suchen durch eine möglichst exzentrische, etwa mit Anglizismen vollgestopfte Sprache.
2. Wenn eine solche Sprache aber über die Grenzen dieses Milieus hinaus gebraucht wird, so wird dadurch jedem, der nicht dazugehört, gezeigt, dass er nicht der Beachtung wert ist.
3. In seinen „Fünf Thesen“ sucht der Autor zu zeigen, dass die Angloamerikanismen Missstände kritisieren, gleichsam einen moralischen Wert haben. Aber er verwendet auch Ausdrücke, die nur ganz unnötig Deutsches ins Englische übersetzen: „You name it.“ Der Sinn: ausschließlich Distinktionsgewinn.
4. Aber auch da, wo englische Ausdrücke Sinn und noch keine gebräuchliche deutsche Übersetzung haben, bedeutet der Gebrauch solcher Ausdrücke ohne Erklärung, dass es nicht beabsichtigt ist, Menschen von den damit verbundenen Anliegen zu überzeugen – es wird ja gar nicht versucht, sie es auch nur verstehen zu lassen. Es geht eben um Distinktionsgewinn, nicht um Verständigung.
Wilfried Haßelberg-Weyand, Chemnitz
Anglizismen in der DDR
„Anglizismen – Modern Talking – Dead End“, wochentaz vom 27. 12. 25 bis 2. 1. 26
Lieber Klaus Walter, vielen Dank für den klugen Artikel. Ich will anmerken, dass viele Menschen in der DDR ihre Subversion auch durch Anglizismen ausgedrückt haben – und zwar durch ein ziemlich intimes Mittel: Kindernamen. Dass die Schreibweise angepasst wurde, ist nur ein witziges Detail der Aneignung davon. Wir (Wessis) sollten die Ossis im weiten Meckpomm da nicht unterschätzen. Ich teile Ihre Analyse, die sich ja eben auch auf die westdeutsche Provinz bezieht.
Jenny Warnecke, Freiburg im Breisgau
Keine Toleranz!
„Ich bin nicht der Heldinnen-Typ“, wochentaz vom 27. 12. 25 bis 2. 1. 26
Juli Zeh ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen deutscher Sozialdemokratie und dem, was ich für Antifaschismus halte. Um den Anschein zu erwecken, einer Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, ist Zeh bereit, auch die rechtsextreme AfD zu inkludieren, das heißt an der Macht teilhaben zu lassen. Das geht zulasten derjenigen, die von Rassismus, Xeno- oder Queerphobie betroffen sind und zum Teil mangels Wahlrecht noch nicht einmal durch Wahlen selbst Einfluss nehmen können. Dagegen schließt der Antifaschismus nach meinem Verständnis bewusst diejenigen aus, etwa durch eine „Brandmauer“ oder ein Verbot, welche ihrerseits andere von demokratischer Teilhabe ausschließen, rassistische oder religiöse Hierarchien etablieren wollen. Mit anderen Worten und da mir kürzlich Poppers Toleranz-Paradoxon begegnete: Gegenüber Menschen und Organisationen, die andere wegen ihrer Fremdheit nicht tolerieren, steht es einer demokratischen Gesellschaft gut zu Gesicht, selbst intolerant zu sein.
Christoph Hörentrup, Bielefeld
Männer und Frauen
„Die Kunst des Zuhörens“, wochentaz vom 27. 12. 25 bis 2. 1. 26
Werter Herr Prof. Pörksen, mit Interesse habe ich Ihren Essay „Die Kunst des Zuhörens“ gelesen. Es wird deutlich, wie intensiv Sie zu dem Thema geforscht und wie engagiert sie es über Jahre verfolgt haben. Es fällt mir dabei auf, dass Sie beispielhaft ausschließlich Männer als gute oder schlechte Zuhörer darstellen, Frauen sind in Ihrem Text in der Rolle der ungehörten Informantin (einer Putzfrau), der energischen Schulleiterin für die Aufklärung der Anschuldigungen (Odenwaldschule), der Verteidigerin von Hentig (Antje Vollmer). Unterschiedliche Kommunikationsstile von Frauen und Männern sind inzwischen belegt. Schlagen Sie sich nicht auch im Zuhören nieder? Wenn ich an Mütter denke, die seit ihrer Niederkunft mit ihrem Kind kommunizieren und dabei vermutlich weder verbal noch nonverbal im „Ich-Ohr“ sein können, liegt das auf der Hand. Tatsächlich fehlt für eine zeitgemäße Debatte die Frage des Unterschieds im Zuhören zwischen Männern und Frauen in Ihren Überlegungen.
Barbara Hartz-Bentrup, Bremen
Interessant und mutig
„Ich bin nicht der Heldinnen-Typ“,
wochentaz vom 27. 12. 25 bis 2. 1. 26
Obwohl ich seit über 30 Jahren Abonnentin bin, habe ich noch nie an euch geschrieben. Meine Premiere gilt dem Interview mit Juli Zeh. Ich fand das Interview so interessant und mutig, dass ich es online und in Print mit Freunden und Familie geteilt habe. Ich bekam überaus positive Reaktionen. Ich kann daher nicht unkommentiert lassen, dass scheinbar die Mehrheit wieder diese reflexhaften Worthülsen („Wer rechtsextrem wählt, ist rechtsextrem“) in den Ring wirft, ohne zu überlegen, wie es denn danach weitergehen soll. Wie ein Kommentar ganz richtig fragt: Wo sollen diese WählerInnen denn alle hin? Hören wir (zum Beispiel) Juli Zeh zu, die 20 Jahre Erfahrung hat, lernen wir etwas über die Möglichkeiten des Überzeugens. Danke, taz, dass ihr immer noch ab und zu neues, interessantes Gedankengut aufnehmt und nicht nur vorhersehbare Schablonen füllt.
Gabriele Hobe, München
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