wortwechsel: Irritation über das Interview mit Juli Zeh
Von Zustimmung bis hin zur totalen Ablehnung: Viele Leser*innen haben auf das Gespräch mit der Autorin und Juristin reagiert
Keine Nachsicht!
„Ich bin nicht der Heldinnen-Typ“,
wochentaz vom 27. 12. bis 2. 1. 26
Liebe Juli Zeh: Nachsicht mit AfD-Nachbarn habe ich nicht! Mag die analysierende Art und Weise auch bestechend sein, mit der Juli Zeh auf das permanente Nachfragen im Interview reagiert, so habe ich mich erfolgreich gewehrt gegen ihren Umgang mit AfD-Nachbarn: Kein noch so großes Enttäuschtsein und Leiden an Politik und gesellschaftlichen Verhältnissen erlaubt, rechtes Gedankengut zu stützen oder damit zu kokettieren und zu protestieren. Dass Politik, wie Juli Zeh zu Recht sagt, bis heute nicht die Konsequenzen gezogen hat und sich nicht um qualitativ hochkarätige Arbeit bemüht, ist allerdings nicht nur in ihrem Dorf ein gefährlicher Brandbeschleuniger.
Rositha Halverscheid, St. Léger sur Vouzance
Keine Protestwahl
Das Interview mit Juli Zeh war für mich insofern erhellend, als ich die Frau anders eingeschätzt hatte. Das Interview ist durchzogen von Verständnisäußerungen für Menschen, die die sogenannte AfD wählen. Frau Zeh betont mehrfach, sie sei Juristin. Vielleicht sollte sie sich jedoch bei der Auswahl der von ihr eruierten Gründe, weshalb Menschen diese zum Teil von menschenverachtenden „Monstern“ repräsentierte Gruppierung wählen, von ihrer monokausalen, unwissenschaftlichen Oberflächlichkeit der „Protestwahl“ verabschieden und eher darauf hören, was Psycholog*innen zum Thema erarbeitet haben: Hang zum Autoritarismus, tiefsitzende „Rassen“- und Entfremdungsressentiments, oft zum Teil massiv gestörte Verhältnisse zum eigenen Elternhaus (bevorzugt zum Vater), starke monetäre Verlustängste. Die stets salonfähige „Unzufriedenheit mit den je aktuellen Regierungsparteien“ dient zumeist lediglich als gangbares Vehikel. Sehr aufschlussreich hierzu: Anne Otto: „Woher kommt der Hass?“
Uwe E. Gablenz, Sulzfeld
Relativierung von Rechtsextremismus
Ich bin erschüttert, dass ich jetzt innerhalb relativ kurzer Zeit zum zweiten Mal ein sehr mulmiges Gefühl bei der taz habe. Letztens war es der rassistische, verkürzende Artikel über Zohran Mamdanis Lachen. Jetzt ist es die Relativierung von Rechtsextremismus. Wieso lässt die taz zum Thema Rechtsextremismus und Faschismus eine Autorin sprechen, die nach dem Überfall auf die Ukraine zu den Erstunterschreibern eines offenen Briefes an die Bundesregierung zählt, der fordert, dass Deutschland keine schweren Waffen an die Ukraine liefert, und die sonst gerne mit Sahra Wagenknecht posiert? Wähler:innen, die eine offen rechtsextreme Partei wählen, wollen offensichtlich rechtsextreme Dinge. Wenn man das relativiert, macht man sich mindestens mitschuldig. Und dass eine Brandmauer, die es ja so nie gab, der AfD genutzt habe, halte ich auch für eine sehr steile These, wenn es doch gerade die vollständige Übernahme der AfD-Themen war, die uns in diese Situation geführt hat.
Melvin Gundlach, Schenefeld
Warum wählen Menschen rechts?
Die Analyse von Juli Zeh verdient ihre Berechtigung. Schließlich ist die bisherige Brandmauer vor allem daran gescheitert, dass man sie nicht gleichzeitig damit gekoppelt hat, den Motiven auf den Grund zu gehen, warum mittlerweile so viele Menschen sich bei Wahlen für die Rechtspopulisten entscheiden. Wobei gerade Brandenburg ein sehr gutes Fallbeispiel ist, wo die von der SPD angeführte Landesregierung nach der fulminanten Aufholjagd von Dietmar Woidke bei der letzten Landtagswahl wieder sehr schnell zur normalen Tagesordnung übergegangen ist, anstatt sich zum Beispiel am Vorbild der früheren Sozialministerin Regine Hildebrandt mit ihrem für die Sorgen und Nöte der Bevölkerung stets offenen Ohr zu orientieren. Deshalb hilft hier nur ein deutlicher Paradigmenwechsel der Demokratie aus der Klemme, bei dem die etablierte Politik durch eigene Überzeugungsarbeit vor Ort das Vorurteil von den abgehobenen und in einem Elfenbeinturm lebenden Eliten konterkariert!
Rasmus Ph. Helt, Hamburg
Verharmlosung von Rechtsextremismus
Das ist keine einfache Meinungsäußerung mehr, sondern die offene Verteidigung und Verharmlosung einer rechtsextremen Bewegung. Wir alle wissen, wer diese WählerInnen und Wähler aus sozialpsychologischer Sicht sind. Da spielt immer Gewalt eine Rolle, von verdeckt und verschämt bis hin zu offen sadistisch. Die Verfassung, sofern diese Leute sie überhaupt kennen, ist für sie ein Pamphlet, das gegen die „wahren Interessen des Volkes“ gerichtet ist. Es ist aus meiner Sicht angesichts der Opfer rechtsextremer Gewalt unverantwortlich, solche Propaganda für ein rechtsextremes Dorf unkommentiert und unwidersprochen abzudrucken. Es geht hier nicht um Meinungen, sondern um Kräfte, die an das NS-Regime anknüpfen wollen.
Name der Redaktion bekannt
System muss anders aufgestellt werden
„Die dunkle Seite des Ehrenamts“,
wochentaz vom 20. 12. bis 26. 12. 25
Danke an Albert T. Lieberg. Er beschreibt, was auch uns umtreibt, zur Vertiefung werden wir uns seine Bücher besorgen. Kürzlich wurde in der „Missy“ der Begriff „Copaganda“ vorgestellt. In unserer Wahrnehmung ist dies auch rund um das Ehrenamt zu beobachten: Wer sich engagiert – zweifelsohne hoch einzuschätzen – wird als eine Art Held kommuniziert. Wobei Feuerwehr irgendwie mehr gehypt wird als Kümmern um Wohnungslose. Paternalistisch kann es zugehen, wenn Senior*in „undankbar“ ist und nicht bespielt werden mag – vielleicht wurde zuvor auch nicht gern gespielt! Bei Essensausgaben kam schon eine Ausgabe nach Nationalität vor – unfassbar. Dies darf nicht vorkommen, auch wenn im nächsten Schritt unser ganzes System anders aufgestellt sein muss.
Petra Große-Stoltenberg, Ruhrstadt
Alles Gute für 2026!
„Wo ist Zuhause?“,
wochentaz vom 20. 12. bis 26. 12. 25
Ich habe mich sehr über die Titelseite der letzten wochentaz dieses Jahres gefreut! Wie gut das tut, dass sich mal jemand deutlich für Gespräch, Austausch ausspricht! Und das Wissenschaftsbarometer belegt ja, dass viele Menschen sich danach sehnen. Alles Gute, liebe Tazzlerinnen, für 2026!
Gisela Kamke, Hamburg
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