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wie geht’s? – muss! #12Checkt euch mal selber!

Mein Vater war immer ein bisschen unruhig, immer ein bisschen unter Strom. „Wie geht’s?“ – „Muss.“ Das hat er sich irgendwann lange genug gedacht und diesen Strom genutzt, um sich eine Therapeutin zu suchen.

Während es für die GenZ heute normal ist, durch zwei Tiktok-Videos ihren mentalen Zustand selbst zu diagnostizieren und die durch Lifestyle-Teilzeit gewonnene Zeit in der Therapie zu verbringen, fuhr mein Vater jahrzehntelang dieselbe Strategie: frische Luft und ein wenig Sonne, dann wird das schon wieder. Anstatt seine Desorganisation als Symptom zu erkennen, sah er darin etwas, das er nur besser in den Griff bekommen musste – und er entwickelte Kompensationsmechanismen, die er so verinnerlichte, dass Organisation und Projektmanagement zu seinem Beruf wurden.

In der Therapie kam dann die Diagnose: ADHS. Der Mann checkt sich endlich mal selber. Seitdem läuft er mit Ritalin in der einen Hand und Hörbüchern über ADHS in der anderen durchs Leben – fürs Bücherlesen reicht die Konzentration nicht. Es gab Zeichen.

Und ja, man kann sich ein wenig über all die Hob­byp­sy­cho­lo­g:in­nen auf Social Media lustig machen, die hinter jedem kleinen Symptom gleich eine neue Diagnose vermuten. Aber sie sind auch Teil von etwas, das uns sehr lange gefehlt hat: Öffentlichkeit und Verständnis für mentale Gesundheit. Denn ist es nicht viel schöner, sein Leben an sein Inneres anzupassen, als – wie mein Vater – ein Leben lang Symptome zu unterdrücken und sich beispielsweise für einen Job in eine Form zu pressen, die nie richtig gepasst hat?

Also liebe Boomer, es haben nicht plötzlich alle eine Modekrankheit. Viele laufen einfach ihr ganzes Leben damit herum, ohne es zu wissen. Mein Vater zum Beispiel 60 Jahre lang. Vielleicht ihr ja auch – ihr wisst es nur nicht.

Foto: Jana Abel

Antonia Fechner ist seit Kurzem Marketing-Managerin in der taz. Davor hat sie Management in Köln und Publizistik und Kommunika­tionswissenschaft in Wien studiert.

Antonia Fechner

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