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unterm strichDas Loslassen von Verlagen

Loslassen können. Eine Lebenskunst, für die sich wohlklingende Ratschläge formulieren lassen, die umzusetzen sich aber als schwierig erweisen. Gerade in der Verlagsszene gibt es für letzteres einschlägige Beispiele. Der Kampf des Suhrkamp-Patriarchen Siegfried Unseld um seine Nachfolge, der sich immer wieder in einen Kampf gegen mögliche Nachfolger verwandelte, gehört zur Folklore der Bundesrepublik.

Es gibt mittlerweile aber auch Beispiele, wie das Loslassenkönnen bei Verlagen, allerdings meist ein paar Nummern kleiner als bei Suhrkamp, gelingen könnte, wenn ein Generationswechsel ansteht. Empfehlen lässt sich, ein Radiofeature des Journalisten Nils Kahlefendt nachzuhören, das in der Mediathek des Deutschlandradios Kultur abrufbar ist. „Freundliche Übernahme – Wenn sich die Wege von Gründern und Verlag trennen“, heißt diese Sendung, die ein Lob des Loslassens, wenn es denn schon sein muss, transportiert.

Im Wesentlichen gibt es, lernt man hier, vier Wege, sich von seinem Verlag zu trennen. Der erste: Man macht ihn zu, mit möglichst wenig Kollateralschäden für Au­to­r*in­nen und Mitarbeiter. Diesen Weg beschreitet derzeit Heinrich Berenberg, der seinen Berenberg Verlag schließen wird. Zweiter Weg: Man lässt sich aufkaufen – wobei die Tendenz derzeit dahingeht, sich nicht von Konzernverlagen schlucken, sondern in mittlere Unternehmen eingliedern zu lassen. Kahlefendt präsentiert als gelungene Beispiele den Christoph Links Verlag, der inzwischen Teil der Aufbau Verlage ist, und den Weidle Verlag, der als Imprint des Wallstein Verlags weitergeführt wird.

Dritter Weg: Man übergibt sein Lebenswerk an Daniel Kampa. Der Schweizer Verleger hat zu seinem eigenen Verlag ein kleines Patchwork zusammengestellt, Jung und Jung, Schöffling, Dörlemann. Die Hoffnung besteht hier darin, dass alle diese Häuser vertrieblich Synergieeffekte erzielen, inhaltlich aber Eigenständigkeit behalten können. Den vierten Weg, ausdrücklich mit den Vorbildern taz und FC St. Pauli im Hinterkopf, beschreitet derzeit Nikolaus Gelpke, der seinen Mare Verlag in eine Genossenschaft umwandelt.

Leicht sind Generationswechsel sicher nie. Aber vielleicht sind, denkt man beim Hören dieses Features, selbst Verlagsleute inzwischen, wie soll man sagen: gelassener?, weniger narzisstisch?, pragmatischer? oder auch einfach klüger geworden. (drk)

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