taz-Serie "Wohnen im Welterbe" (3): Imagegewinn und Mieterfrust

In der Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg zeigen sich Vorteile und Probleme, die der Denkmalschutz und ein möglicher Welterbe-Titel mit sich bringen.

Bild: Hof in der Wohnstadt Carl Legien

Kommende Woche entscheidet die Unesco über den Antrag des Landes, sechs Siedlungen als Welterbe unter besonderen Schutz zu stellen. Die taz stellt in einer Serie die Reformsiedlungen vor. Sie wären nach der Museumsinsel und den Preußischen Schlössern und Gärten das dritte Welterbe in Berlin. Der Antrag umfasst die Gartenstadt Falkenberg, die Hufeisensiedlung in Britz, die Reinickendorfer Weiße Stadt, den Schillerpark im Wedding, Siemensstadt und die Siedlung Carl Legien in Prenzlauer Berg.

Die Architekten dieser Ensembles haben den Wohnungsbau dank ihrer sozialen Ideen revolutioniert, so das Landesdenkmalamt. "Die sozialpolitischen und wohnungspolitischen Reformansätze strahlten über Berlin und Deutschland hinaus auf die

europäische Architekturdebatte." Allen voran Architekt Bruno Taut und Stadtbaurat Martin Wagner wollten weg vom Mief der Hinterhöfe, hin zu einer hellen und sauberen Lebensform. Wohnungen hatten erstmals eine Mindestgröße, Küche und Bad ein Fenster, es gab Balkone und Gärten.

Die Erfolgsaussichten für den Antrag sind dennoch ungewiss. Bei der Unesco gibt es laut Experten noch Überzeugungsarbeit zu leisten bezüglich des kulturellen Werts der Siedlungen. PEZ

Das Credo der Moderne - Licht, Luft und Sonne - hat in der Wohnstadt Carl Legien einen ganz besonderen Beigeschmack. 2004 war es, da rückten Grünflächenarbeiter mit Kettensägen in der Erich-Weinert-Straße in Prenzlauer Berg an. Im Auftrag des Eigentümers Baubecon sollten sie mehr als 160 Bäume fällen. Der Grund: Weil die Siedlung des Architekten Bruno Taut zu den sechs Kandidaten für das Unesco-Welterbe zählt, sollte der ursprüngliche Zustand der Freiflächen - Licht, Luft und Sonne - wiederhergestellt werden. Die Mieter gingen auf die Barrikaden, der Bezirk genehmigte die Fällung von nur 71 angeblich kranken Bäumen, der Senat lenkte ein. Es müsse neu überdacht werden, ob das Weltkulturerbe wichtiger ist als die Belange der Bürger, sagte damals die Sprecherin von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD).

Auch wenn die Wohnstadt Carl Legien, mit Abstand der städtischste der sechs Welterbe-Kandidaten, längst saniert ist, steht das Thema Wohnen im Welterbe und Denkmalschutz weiterhin auf der Tagesordnung. Inzwischen gibt es aber nicht nur Ärger, sondern auch Euphorie. "Die Carl Legien ist ein Renner", freut sich Christian Scheffler, Vertreter des neuen Eigentümers Pirelli, der die 1.100 Wohnungen von der Baubecon gekauft hat. "Vor allem junge Studenten zieht es hierher." Lehrstand gebe es nicht in der Erich-Weinert-Straße. "Wer wegzieht", so Scheffler, "hat einen Nachmieter. Wenn nicht, dann gibt es eine Warteliste." Zwei Dinge sind es, die für Scheffler den Erfolg der Wohnstadt ausmachen: die Qualität der Siedlung und der niedrige Mietpreis. "Im Vergleich zum Kollwitzplatz sind wir günstig."

Was aber wird, wenn die Wohnstadt Carl Legien neben weiteren fünf Siedlungen der klassischen Moderne kommende Woche mit dem Unesco-Welterbe-Titel geadelt würde? "Einen Welterbe-Zuschlag", versichert Scheffler, "wird es nicht geben. Das Einzige, was es gäbe, wäre ein Imagegewinn."

Den gibt es jetzt schon. Architekturstudenten, Reisegruppen, Diplomatengattinnen, Modernefans - alle zieht es an die Erich-Weinert-Straße. Was sie finden, ist tatsächlich ohne Vergleich. Am Rande der Mietskasernen in den dicht bebauten Gründerzeitquartieren hat es Bruno Taut 1929/30 geschafft, eine Siedlung zu bauen, die durchaus das Attribut "städtisch" verdient. Gleichwohl bieten die als U auf beiden Seiten der Erich-Weinert-Straße angeordneten Blöcke eine Leichtigkeit und Offenheit, die es gut und gerne mit den zahlreichen Stadtrandsiedlungen der Moderne auf sich nehmen kann. In den 30er-Jahren war das Ensemble mit seinen 1.100 Wohnungen eine tatsächliche Alternative zu den Mietskasernen. Und das keine vier Kilometer vom Alexanderplatz entfernt.

Eines aber suchen die Taut-Fans vergeblich - ein kleines Museum oder einen Infopoint. Anders als in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die nicht als Welterbe nominiert wurde, werden Touristen in Prenzlauer Berg allein gelassen. Zwar denkt der Eigentümer Pirelli über einen solchen Service nach - aber nur für den Fall, dass die Siedlung wirklich den Welterbe-Stempel bekommt. Wenn nicht, bleibt sie, was sie bis dahin war - ein Geheimtipp für alle, für die "Stadt" mehr bedeutet als Hackescher Markt oder Kollwitzplatz.

Einheitlich soll es sein

Bleiben wird auch das Thema, das Mieter, Eigentümer und Denkmalschützer seit langem beschäftigt. Wie passt man ein Denkmal den veränderten Bedürfnissen ans Wohnen an, ohne das, was es zum Denkmal gemacht hat, aufs Spiel zu setzen? Für Manfred Kühne, bis vor wenigen Wochen Leiter der obersten Denkmalbehörde Berlins, ist dies jedes Mal eine neue Herausforderung. "Natürlich kann im Denkmal nicht jeder seine Fenster streichen, wie er will", sagt Kühne. "Schließlich leben gerade Siedlungen wie Carl Legien von ihrem geschlossenen Bild." Gleichwohl gelte es, bei Konflikten immer wieder nach Kompromissen zu suchen. Die Fahrradständer, die in der Wohnstadt inzwischen montiert wurden, sind deshalb keine Ware von der Stange, sondern elegante Bügel - ganz im Geist der Moderne.

Ganz im Geist der 20er-Jahre - für viele Berliner ist das inzwischen Kult, hat Kühne beobachtet. "Charaktervolle Gebäude und Siedlungen werden immer mehr nachgefragt", sagt er. "Es gibt sogar Mieter, die streichen ihre Wohnungen in den Originalfarben von Bruno Taut, kräftig rot oder tiefblau." Für Kühne ist die Attraktivität der klassischen Moderne inzwischen nur vergleichbar mit der Wiederentdeckung der Mietskasernen vor 30 Jahren. Freilich sind dieser Wiederentdeckung Grenzen gesetzt. Die meisten Wohnungen sind klein, die Raumfolge entspricht dem Wohn- und Familienideal der 20er-Jahre: großes Wohnzimmer, kleine Kinderzimmer, kleine Küche. Gut möglich, dass auf den Denkmalschutz neben dem Thema altersgerechtes Wohnen auch das Thema Wohnungszusammenlegungen zukommt.

Weniger optimistisch ist da Andreas Otto. Der grüne Abgeordnete, der im Wahlkreis ein Direktmandat zum Abgeordnetenhaus gewonnen hat, zweifelt an der Kompromissfähigkeit vieler Denkmalschützer. "Nicht nur bei den Baumfällungen war der Denkmalschutz äußerst hartleibig", sagt er. "Auch bei der Wärmedämmung hätte ich mir mehr Flexibilität gewünscht." Überhaupt ist für Otto der Welterbe-Titel nicht das Maß aller Dinge. "Wenn man im Ausland von Prenzlauer Berg spricht, dann fällt einem nicht gerade die klassische Moderne ein. "Das Leben in der Carl-Legien-Siedlung ist schon ein anderes als in der Gründerzeit", sagt er.

Das wird wohl auch so bleiben, wenn die Siedlung zum Welterbe wird. Erst vor kurzem hat das Tautcafé geschlossen. Zu wenige Gäste. Eigentümervertreter Scheffler weiß, warum. "Den Älteren in der Siedlung war es zu flippig, den Jüngeren nicht szenig genug."

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