szene:
Es ist noch nicht lange her, da stehe ich in einer immer länger werdenden Schlange vor dem „Cinema“ in Berlin-Friedenau und wundere mich, dass so viele Leute Kinosessel kaufen wollen. Sie sind mit Handkarren und Lastenrädern gekommen, die Stimmung ist geradezu euphorisch. Mir geht es ähnlich, gleichzeitig bin ich auch ein bisschen traurig, weil das Kino nach 100 Jahren vor Kurzem schließen musste.
Ich liebe das Kino generell, aber die kleinen Filmtheater mag ich am liebsten. Das hier an der Bundesallee mochte ich immer besonders gern. Es war klein, mit einem winzigen Vorraum, einer im Verhältnis zur großen Eistruhe handtuchschmalen Minitoilette. Im Kinosaal mit den roten Samtsitzen habe ich bei unzähligen Vorführungen gelacht und geweint, und wenn es sehr still war, konnte man manchmal sogar die U-Bahn von unten rumpeln hören.
Außerdem war ich hier auch mit meiner fünfjährigen Tochter zum ersten Mal im Kino. Das „Cinema“ spielte „Pippi Langstrumpf“, und H. stand den halben Film neben mir, quetschte vor lauter Aufregung meine Hand oder hüpfte auf der Stelle, weil alles so toll war.
Der erste Kinobesuch ist eben etwas ganz Besonderes, und so erzählte H. auch noch Tage später davon, wie Pippi Spaghetti isst und einfach alles mit der Schere abschneidet, was nicht mehr in den Mund passt. Mit der Schere haben wir dann an Geburtstagen und anderen Feiertagen selbst Spaghetti gegessen.
Jetzt kommt B. zu mir in die Schlange. Er hat sein Auto dabei und wir überlegen, ob zwei oder drei Sessel hineinpassen, als plötzlich ein Mann mit einem Pferdeschwanz vor uns steht: „Also, es werden heute doch keine Kinositze verkauft. Das ‚Cinema‘ hat in letzter Sekunde ein Angebot bekommen und wird vielleicht übernommen.“
„Oh“, rufe ich, „das sind doch super Neuigkeiten!“ Der Mann nickt, und B. und ich gehen. Ohne Stühle, dafür aber mit viel Hoffnung für das kleine, große „Cinema“.Isobel Markus
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen