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szeneSie glauben nicht an Grenzen

VonKlaus Esterluss

Nicht weit von mir kenne ich ein Grundstück. Es ist ein Grundstück, wie es Tausende andere gibt, an einer Nebenstraße liegend, ein Fußweg mit Pflastersteinen davor.

Ein Grundstück mit Haus, Garage, Rasenfläche und Obstgehölz. Und mit Betonpfählen für einen Zaun. Nicht zu viele, nicht zu wenige, genau die Anzahl, wie sie ein Durchschnittszaun an jedem anderen Grundstück der Straße auch hat. Nur dass hier nichts dazwischen ist. Solange ich hier vorbeikomme, klaffen dort Lücken, wo andere Maschendraht aufspannen und Jägerzäune errichten. Zuerst dachte der pragmatische Teil meines Gehirns, dass hier jemandem schlicht das Budget ausgegangen ist.

Vielleicht, denke ich weiter, haben die Besitzer*innen auch nur eine besonders kurze Ausdauer. Sie beginnen Projekte mit viel Elan, nur um sich dann von Trägheit, Prokrastination oder dem Newsfeed überrollen zu lassen. Ich suche strategisch nach Hinweisen für die eine oder andere Theorie. Nun, der Rasen ist gepflegt. Die Obstbäume beschnitten. Das spricht genausowenig für meine Theorien wie die beachtliche Fahrzeugflotte, die auf dem Hof zu sehen ist.

Vielleicht also, vermute ich nun, sind die Bewohner*innen Avantgardist*innen. Sie haben die Infrastruktur der Privatabgrenzung nur errichtet, um sie nicht einzusetzen. Das wäre schon ein Statement! Ich sehe vor mir, wie sie jeden Morgen mit einem Kaffee auf die Terrasse treten, ihre Nicht-Begrenzung betrachten und zufrieden nicken. Ich sollte das beobachten.

Noch besser gefällt mir allerdings noch dieser Gedanke: Die verwaisten Pfosten könnten Denkmäler einer besseren Zukunft sein, einer beneidenswerten Offenheit, einer fast zärtlichen Einladung zu einem Besuch. Morgen, nehme ich mir fest vor, betrete ich den Hof, klingele und würde niemanden im Haus überraschen. Man würde mir öffnen und sagen: „Auf dich haben wir schon lange gewartet. Tritt ein, sei unser Gast.“ Klaus Esterluss

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