piwik no script img

szeneAm letzten Tag des Jahres

VonLuciana Ferrando

Im Treppenhaus riecht es nach Hundehaaren und Eintopf. Ich setze mir die Kopfhörer ein und wähle die Playlist „Minimal Techno Bangkok“ aus. Sie passt erstaunlich gut zum ersten Schnee 2025, der pünktlich zu meiner letzten Laufrunde, am letzten Tag des Jahres fällt.

Das Tageslicht scheint sich nicht vom Schwarz der Nacht verabschieden zu wollen. Langsam wird es blau, aber die Dunkelheit bleibt.

Auf dem schmalen Weg zwischen Friedhof und Kleingartenkolonie laufe ich jedoch ohne Musik. Nicht ganz aus Respekt vor den toten Menschen zu meiner Rechten – sie sehen mich ja oft, falls sie sehen können, wie ich mit tanzenden oder boxenden Schritten an ihnen vorbeijogge. Nein, es ist die Kombination aus frischem Schnee und Friedhof, die mich neugierig macht: Welche Art von Stille das wohl ist, auf diesem Kiesweg zwischen Gräbern und Apfelbäumen, während die zarte Flocken herumfliegen.

Später, als wir an der Sauna am See ankommen, wird es bereits dunkel, und es ist windig. Mit dem Gutschein in der Hand gehe ich zur Massagekabine. Während die riesigen Hände des Masseurs meinen Rücken kneten, als wollten sie daraus die beste Pizza Leipzigs formen, denke ich an die Ruderboote auf dem dunklen See, die von den Wellen bewegt werden und wie Holzglöckchen klingen. Es macht mich traurig, dass sie dort allein liegen. Genauso traurig erscheint mir der Gedanke, dass der Bus, den wir bald nehmen müssen, um nach Connewitz zurückzufahren, an Haltestellen mit Namen wie „Markkleeberg Seniorenheim“ halten wird, während die Kinder der Gegend bereits die ersten Feuerwerke der Nacht zünden.

Zu Hause verpassen wir den Countdown, weil wir vor lauter Entspannung auf der Couch einschlafen. So bleiben wir Arm in Arm, bis uns die bunten Lichter und Explosionen wecken. Wir gehen zum Fenster und verbringen so die ersten Minuten dieses Jahres, schweigend, noch ganz vom alten benommen. Luciana Ferrando Luciana Ferrando

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen