szene: Bus fahren mit Churchill
Der M29 kommt angerauscht und Churchill kriegt es mit der Angst zu tun. Busse mag er gar nicht. Es liegt am Motor, der knattert ihm zu laut. Also nehme ich ihn fix auf den Arm, das beruhigt ihn etwas, dennoch bleiben die Augen weit aufgerissen, die Ohren angelegt. Der Bus ist voll, irgendwie müssen wir uns da in die Meute drücken. Mit der einen Hand halte ich mich oben an der Stange fest, die andere hält Churchill wie einen Football unterm Arm. Churchill, das ist der Hund meiner Mutter. Ein Yorkshire-Chihuahua-Mischling, ganz klein, vier Kilo, strohblond, schwarze Knopfaugen, riecht immer nach seinem Hundeshampoo mit Mandelöl. Er sabbert nicht, er bellt nicht, er hat ein ganz ruhiges Gemüt, blickt nur umher, ist zuckersüß.
Alle gucken uns an. Ganz besonders eine Frau im Rollstuhl, die ihre Augen nicht von uns lassen kann. Ich kann ihren Blick nicht deuten. Ist er ernst, ist er neugierig, ist er ängstlich?
Plötzlich zeigt sie mit dem Finger auf uns: „Dieses rosa Schleifchen da, was hat das zu bedeuten?“
Und bevor ich antworten kann, antwortet sie selbst darauf: „Weil ich kenne gelbe Schleifen. Das tragen Hunde, die lieber Abstand brauchen.“
Ein weiterer Fahrgast schaltet sich ein: „Rosa Schleifen stehen für den Kampf gegen Brustkrebs.“
„Oh nein“, sagt ein Dritter. „Der Kleine hat Krebs?“
„Quatsch, das trägt man aus Solidarität für andere.“
Nun haben wir die volle Aufmerksamkeit. Alle Köpfe drehen sich zu uns, alle wollen wissen, was Sache ist. Und leider muss ich alle enttäuschen, die sich eine große Botschaft erhofft hatten.
„Ach, das hier?“, antworte ich und greife nach der Plastikschleife, die an Churchills Leine geknotet ist. Sie knistert in meiner Hand. „Das hat keine Bedeutung. Gibt’s bei Fressnapf in allen Farben. Das ist ein Kotbeutel.“
Aaaaah macht der Bus.
Lars Widmann
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