szene: Freundschaft alter Damen
Vor der Konditorei Fester in der Altstadt von Berlin-Spandau sitzen zwei alte Damen in der Sonne und unterhalten sich angeregt. Ich halte sie für Freundinnen, lächle in mich hinein, wie viel sie sich zu erzählen haben, nehme neben ihnen Platz und vertiefe mich in ein Buch. Mit einem Mal höre ich, wie die eine sagt: „Ich freue mich sehr, dass wir uns kennengelernt haben – mein Name ist Erna.“ Ich sehe mich um. Die andere streckt ihr die Hand entgegen: „Helga – freut mich auch.“
Bald stellen sie im Gespräch fest, dass sie nicht nur beide seit Jahrzehnten in die Konditorei gehen und eine Vorliebe für Schwarzwälder Kirschtorte teilen, sondern auch sonst einiges miteinander gemein haben: Beide sind 1935 geboren, waren verheiratet und haben ihre Männer bereits vor über 20 Jahren verloren, beide haben zwei Kinder.
Sie reden über ihr Aufwachsen mit Entbehrungen, über die Kartoffelschalen, die während der Bombardierungen für die Familie als Essen reichen mussten, über die Nachkriegszeit und ihre Ehen und enden bei ihren Kindern und Enkeln: „In was für einer anderen Welt die doch aufgewachsen sind“, meint die eine. „Über alle Länder verteilt, aber immer im Austausch mit den anderen durch Bilder und Anrufe mit Video-Telefonie.“
Die zweite Dame lächelt in sich hinein: „Und die beruflichen Möglichkeiten heute erst. Meine eine Enkelin macht jetzt eine Ausbildung als KFZ-Mechanikerin – das wäre ja früher gänzlich undenkbar gewesen.“ Die erste nickt nachdenklich: „Ich durfte gar nicht erst arbeiten. Hat mein Mann nie erlaubt. Der wollte mich immer zu Hause.“ Sie sei, sagt sie, trotz Trauer um ihn doch auch froh, ihn überlebt zu haben: „Heute kann ich machen, was ich will. Und niemand quatscht mir rein.“
Dann winkt sie nach der Kellnerin: „Noch zwei Stück Schwarzwälder, bitte!“
Eva-Lena Lörzer
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