szene: Heiratsantrag im Herbst
Ein Herbststurm fegt über Berlin-Kreuzkölln, aber alles bleibt, wie es ist. Nur die bunten Blätter der Bäume im Hinterhof flattern aufgeregt herum und zeugen von Veränderung. Ich selbst stecke fest. Nach einer Operation im Unterleib liege ich flach und schaue wehmütig in die luftige Blätterwelt wie in ein Märchenbuch. Ich müsse mich längere Zeit schonen, hieß es von Ärzteseite.
Also schone ich mich und schreibe zur Schonung diesen Text. Doch Schonung ist anstrengend. Zum Glück klingelt es an der Tür. Vielleicht ein Freund, der mich ablenken möchte vom Schonprogramm. Das Schlafzimmer ist am Ende eines langen Flurs. Bis zur Wohnungstür sind es ungefähr fünfzehn Meter. Die Ablenkung würde mir guttun. Darum erhebe ich mich und ächze los.
Nach fünf Schritten klingelt es erneut. Ich versuche mich zu beeilen. Und rufe sogar: „Ich komme, Augenblick bitte!“, wahrscheinlich aber zu leise, denn nun klopft jemand gegen die Tür. Was soll das Klopfen? Ich bin doch unterwegs. Warum so aufdringlich? Vielleicht brennt das Haus oder einem Nachbarn fehlt Backpapier. Beides ist gleich blöd, wenn mensch kaum krauchen kann und letzte Kräfte mobilisieren muss, um sich keine Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht entgegen zu lassen. Solche Unterhaltungen werden ja immer seltener, habe ich gehört. Die wichtigen Dinge werden angeblich alle via Messenger besprochen. Psychologen sind ernsthaft besorgt, stand neulich im Netz zu lesen.
„Willst du mich heiraten?“, brüllt es plötzlich durch die Tür. Ich fasse es nicht. Jetzt erkenne ich die Stimme. Es ist der Freund meiner Nachbarin, ein Stockwerk höher. Eigentlich ein netter Kerl, aber ein bisschen durchgedreht. Ich mache auf dem Absatz kehrt und schlurfe zurück. Immer das Gleiche mit dem Typ, wenn er überdrüber ist, macht er Heiratsanträge ohne Ende.
Henning Brüns
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