okaye gefühle: Alle streben nach Glück, dabei fühlt es sich doch vollkommen okay an, okay zu sein
Die Suche nach Glück ist allgegenwärtig. So gibt der Glücksforscher Arthur C. Brooks in einer Online-Kolumne Tipps für ein glücklicheres Leben. Die Autorin Ronja von Rönne beschäftigt sich in der Arte-Sendung „Unhappy“ mit unterschiedlichen Aspekten des Glücklichseins. Und heute Morgen erfahre ich, kaum habe ich das Radio eingeschaltet, wie ich mir eine „Pause vom Pflichtgefühl“ nehmen kann und auf die „Spur der Freude“ komme. Puh! Ehrlich gesagt verursacht die allgegenwärtige Suche nach dem Glück genau das bei mir: Pflichtgefühl. Denn vielleicht möchte ich ja gar nicht das Glück finden: Ich finde und fühle mich okay.
Das Wort „okay“, oder auch ok, Ok, o.k., O.K. kommt aus dem Amerikanischen und wird im deutschen Sprachgebrauch mit „in Ordnung“ oder „einverstanden“ übersetzt. Zugegeben: Es ist vielleicht nicht das aufregendste aller Gefühle. Aber ich finde, dass das Mittelmaß zu Unrecht einen schlechten Ruf hat. Es mutet zwar etwas langweilig an, dafür vermittelt es Beständigkeit und Zuverlässigkeit.
Ein gutes Bild dafür ist mein Besuch im Supermarkt. Dort bin ich körpergrößenbedingt nämlich näher an den unteren Regalfächern als an den oberen mit den Luxusprodukten. Meine Augen erreichen trotzdem die sogenannte „goldene Zone“, in der Supermarktbetreibende solide Markenprodukte platziert haben. Doch manchmal sind angebotshalber auch die De-luxe-Produkte runtergerutscht und damit greifbar. Überkommt mich da etwa ein Glücksgefühl?
Na sicher, denn ich habe schließlich gar nichts gegen das Glück. Als jemand, der nimmermüde auch unfreiwillig unglückliche Gedanken hegt, verstehe ich das Okaysein aber als dankbares Gut. Um im Bild des Supermarktregals zu bleiben: Ich befinde mich in der unteren Mitte, aber manchmal geschieht etwas Exquisites. Hätte ich das Glück ständig um mich herum, wüsste ich es vermutlich nicht richtig zu schätzen und würde schnell mehr erwarten.
Das Glück wird im Kapitalismus aber nicht nur mit freudigem Wohlergehen, sondern auch mit Fortschritt, Erfolg und Anerkennung synonymisiert. Nach diesem Maßstab habe ich es von unten (hier können klassistisch-rassistische Erfahrungen eingefügt werden) nach oben (ein Hochschulabschluss) geschafft. Aber dann habe ich aufgehört, mehr erreichen zu wollen. Kein Master, kein Volontariat, keine Auslandsaufenthalte. Ich mache noch immer die Arbeit, die ich in meiner Studienzeit angefangen habe. Und ein paar andere Dinge auch. Ich mag meine Arbeit, sie ist okay. Manchmal ist sie nur mein Broterwerb, manchmal auch die bretonische Butter oben drauf. Aber vor allem erlaubt sie mir den großen Luxus, nicht in Vollzeit arbeiten zu müssen. Mehr möchte und brauche ich nicht.
Ist es okay, sich damit zufriedenzugeben? Ich frage eine Suchmaschine. Sie empfiehlt mir, mich auf die Recherche nach der Ursache für meine Genügsamkeit zu begeben. Laut dem Suchergebnis gelten meine Symptome als antriebslos. Okay, vielleicht ist „okay“ doch nicht so okay. Ein anderes Ergebnis zitiert hingegen die beliebte Podcast-Psychologin Stefanie Stahl, nach deren Ansicht „okay“ etwas Positives ist, es bedeute Selbstakzeptanz. Und genauso sehe ich das auch. Für mich bedeutet es Zufriedenheit. Ich möchte nicht (mehr) ständig an meinen Gefühlen und in meinem Leben herumreparieren.
Nach einem langen Tag, an dem ich mit Freund*innen an Fahrrädern geschraubt habe, holen wir uns der Einfachheit halber eine Pizza von nebenan. Während sie einigen nicht schmeckt, sagt eine Bekannte trocken: „Sie tut, was sie soll.“ Und das ist doch total okay, oder? Du Pham
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