momentaufnahmen: Wenn schon der Blick in die Zukunft gewagt ist
Sonntagnachmittag, minus 5 Grad. Berlin Fashion Week. Vor dem Humana am Frankfurter Tor steht eine Menschenschlange auf der Eisfläche. Alle in Schwarz, alle kritisch, blaues Smartphone-Spotlight erleuchtet die aufgeregten Gesichter. Jung ist das Publikum, ein bisschen wie Berghain-Kindertag, denke ich und drücke mich mit „Ich bin Presse“ an der Security vorbei.
Drinnen heiße Mottenkugelluft. Gleich beginnt die Schau des Newcomers Kolya Bogatyrev. Mit quietschenden Queerkids quetsche ich mich die Treppen hoch: pinke 80er Oversize-Jacketts, bizarre Perücken, rückwärts angezogene Anzugjacken. Nach Listenkontrolle lande ich auf einem Front-Row-Seat. Die Frau neben mir sieht so deplatziert aus, wie ich mich in meinen Winterlagen fühle. „Merkwürdiger Ort“, flüstere ich.
Berlin-Friedrichshain
141.200 Einwohner*innen.
Statt Blaumännern wird man in dem Ortsteil heute eher schickeren Fummel sehen. Längst hat sich das ehemalige DDR-Arbeiter- zum Szeneviertel entwickelt.
Licht aus. Die Menge verstummt. Licht an. Models ohne Hosen hinter Models ohne Shirts, alles dekonstruiert. Ich fühl mich alt. The show is over. Als der Applaus verebbt, blickt mich meine Nachbarin an: „Passt doch“, sagt sie und wischt über die Secondhandregale. „Am Ende landen sie doch alle hier“, zupft an einem Gucci-Teil und verschwindet in der Menge. Hilka Dirks
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