meinungsstark:
Jina Mahsa und „Jin, Jiyan, Azadî“
„Gedenken an Jina Mahsa Amini: Du bleibst eine von uns“, taz vom 16. 9. 26
Mich irritiert an diesem Text nicht das, was über Jina geschrieben wird, sondern das, was dabei fast verschwindet. Jina war nicht irgendeine junge Frau aus Iran. Sie war eine Kurdin aus Saqqez. Und „Jin, Jiyan, Azadî“ war nicht einfach die kurdische Übersetzung eines iranischen Protests. Dieser Ruf wurde bei ihrer Beerdigung in Saqqez zum Aufschrei einer Bewegung und ging von Kurdistan weiter in andere Teile Irans und schließlich um die Welt. Genau deshalb kann man Jina nicht von diesem politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang trennen.
Das zeigt sich an ihrem vierten Todestag. In zahlreichen kurdischen Städten bleiben Geschäfte und Märkte geschlossen und in Kurdistan wurde zu einem politischen Generalstreik aufgerufen; aus Saqqez, Sine/Sanandaj, Bukan, Marivan und weiteren Orten wird auch eine starke Präsenz der Sicherheitskräfte gemeldet. Schon vor dem Streik wurden in Sanandaj Menschen im Zusammenhang mit dem Aufruf festgenommen.
Natürlich wurde „Frau, Leben, Freiheit“ später von Frauen und Männern unterschiedlichster Herkunft im ganzen Iran getragen. Und dass heute besonders in Teheran viele Frauen öffentlich ohne Kopftuch auftreten, gehört ebenfalls zu dem gesellschaftlichen Wandel, den diese Bewegung ausgelöst hat. Aber eine Bewegung wird nicht universeller, indem man ihre Herkunft unsichtbar macht. Man kann ihre landesweite Bedeutung anerkennen und trotzdem sagen, wo sie ihren Ausgang nahm.
Fateh Salehi, Bochum
Kein „Erdrutschsieg“
„BSW-Erfolg in Sachsen-Anhalt: Zum Steigbügelhalten bereit“, taz vom 8. 9. 26
Liebe Redaktion, ein Unwort schleicht sich auch bei der taz ein. „Erdrutschsieg“. Was soll das bitte sein? Ein Erdrutsch ist eine Naturkatastrophe. Er kommt unerwartet, große Massen setzen sich plötzlich in Bewegung und führen zu Zerstörung und Verlusten. Ein Sieg, insbesondere bei Wahlen hat nichts mit Verlust zu tun, sondern ist im Gegenteil ein Zugewinn von Wähler:innenstimmen. Erdrutschartige Verluste – das Bild ist stimmig nur dann, wenn man nicht damit rechnen konnte, so viele Stimmen zu verlieren. Zur Sachsen-Anhalt-Wahl passt der Begriff gar nicht. Der Sieg der AfD ist eine Katastrophe mit Ansage, die vorhersehbar war. Der Sieg der AfD hat mit den Wegbrechen eines demokratischen Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins zu tun. Wenn, dann kann man also eher von erdrutschartigen Verlusten demokratischer Grundüberzeugungen sprechen, wobei auch diese Bewegung bei Weitem nicht im Sinne einer Naturgewalt stattfindet. Diese Entwicklung ist ja schon seit Jahren zu beobachten. Zusammengefasst: Erdrutsch und Sieg – nee, diese Begriffe passen einfach nicht zusammen …
Tobias Buck, Hamburg
K. o. durch KI?
„Debatte über künstliche Intelligenz: Entschleunigung mit Hintergedanken“, taz vom 14. 9. 26
Die Übernahme durch die KI ist kein Akt maschineller Rebellion. Es ist vielmehr die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die auf dem Sofa dösend schrittweise vergessen hat, den Schalter selbst in der Hand zu behalten. Wenn wir jetzt nicht bewusst gegensteuern, übergeben wir die Schlüssel zu unserer Welt einer Instanz, die wir am Ende nicht mehr korrigieren können.
Goethe schrieb schon 1797 im Zauberlehrling: „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.“
Der Zauberlehrling kann sich aus seiner kritischen Lage nicht selbst befreien, wird aber in letzter Sekunde von dem zurückkehrenden Hexenmeister gerettet. Doch wer wird in unserer Realität dieser Meister sein?
Dieter Grote, Humfeld
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen