meinungsstark:
Mütterrente
„Überspannter Bogen“, taz vom 2. 2. 2026
Ich schon älter, bald 63 Jahre, aber keineswegs eine dieser Herdprämienmütter, die ihr so vor Augen habt, wenn ihr so über diese Leistung schreibt, die der Staat uns Müttern zuerkennt. Ich bin im Studium mit meinem ersten Kind schwanger geworden, 1984 war das, meine beiden „Kleinen“ habe ich 1995 und 1997 zur Welt gebracht.
Als mein Erstes drei Jahre alt war, habe ich eine Ausbildung gemacht. Nach den Erziehungsurlauben meiner beiden anderen habe ich Vollzeit weitergearbeitet und für die ganze Familie das Haupteinkommen verdient. Seit zehn Jahren arbeite ich aus gesundheitlichen Gründen nur noch 75 Prozent. Wegen meines späten Starts in das Berufsleben, abgebrochenes Studium zählt nicht bei der Rente, schaffe ich 45 Beitragsjahre zur Rente zu dem Zeitpunkt an dem ich sowieso in Rente gehen kann, mit 66 Jahren und 10 Monaten. Wegen meiner 50 Prozent Behinderung darf ich aber schon zwei Jahre früher gehen.
Und da bin ich sehr froh, dass ich diese Mütterrente bekomme, sonst würden mir viele Beitragjahre fehlen. Und wenn ihr selbst Kinder habt, wisst ihr, dass Betreuungsangebote, zumindest bei uns in Bayern, niemals ausreichen, um beiden Eltern zu ermöglichen, Vollzeit zu arbeiten, in einem Beruf, der Präsenz erfordert, und zugleich Kinder zu erziehen.
Ja, wir Mütter sind kostspielig in der Rente, aber beispielsweise meine Kinder zahlen fleißig in die Sozialkassen ein, sodass ich kein schlechtes Gewissen bekomme, sondern diese Sozialneiddebatten wirklich satt habe. Ich denke, der Staat muss kassenfremde Leistungen finanzieren, und das wäre mit einer angemessenen Vermögenssteuer wirklich zu schaffen. Darüber sollte geredet werden. Und darüber, dass Frauen nach der Kinderpause ein Wiedereinstieg in den Beruf garantiert werden muss.
Barbara Keller, Mainstockheim
Markenkern der Linken
„Lasst uns wieder richtig streiten“, taz vom 29. 1. 26
Volle Zustimmung zum Kommentar des – aus meiner Sicht – sehr jungen Autors. Ich selbst bin in den frühen 1980er Jahren politisiert worden – Friedensbewegung und Anti-AKW-Bewegung und kann von den scharfen Diskussionen, den langwierigen und oft ermüdenden Debatten ein Lied singen. Aber der Autor hat recht: Hinterher hatten wir alle immer was gelernt.
Solche Konflikte braucht die Linke wieder – aber mit mehr Achtsamkeit und besserem Aufeinanderhören. Gewiss haben die sozialen Medien zu problematischen Veränderungen der Diskussionskultur der Linken beigetragen. Ich fürchte aber, der Autor, der selbst in Zeiten von Wokeness und Identitätspolitik, von politischer Korrektheit und Cancel-Culture politisch erwachsen wurde, übersieht diese kulturellen „Errungenschaften“ als Momente der erlahmten Streitkultur.
Selbstverständlich ist es gut, dass rassistische oder sexistische Klischees nicht akzeptabel sind in linken Kreisen. Aber es ist nicht gut, wenn universalistische Ideale auf dem Altar von Identitätspolitik geopfert werden, wenn selbst richtige Dinge nicht mehr von jedem gesagt werden dürfen, es könnte ja kulturelle Aneignung, mansplaining oder Ähnliches vorliegen. Es ist nicht gut, wenn Aufklärung kurzschlüssig als kolonialistisch diskreditiert wird. Markenkern linker Politik war immer die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die für alle, für jeden Menschen, überall gelten muss.
Jörg Wiegand, Butzbach
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