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lidokinoEiner dieser kleinen Videofilme, für die sich die Chose lohnt: „Serbie, Année Zéro“

Nach dem Krieg kommt die Diät

Rein phänomenologisch gesehen ist ein Festival ein Bilderpool. Ein Forum, in dem ein billiges, dreckiges DV-Filmchen und ein 60-Millionen-Dollar-Buster hintereinander im selben Kino laufen können, zwei Filme also, deren Wege sich ansonsten nicht im Traum kreuzen würden, weil der eine nach dem Festival in einen kommerziellen Verleihkreislauf hineindonnert, während der andere meistens ohne viel Aufsehen in der Schublade verschwindet. Die Intrigen des venezianischen Hotelierverbandes mal beiseite gelassen, besteht die ideelle Existenzberechtigung einer Veranstaltung wie der Filmbiennale vor allem darin, dem dreckigen, kleinen DV-Filmchen seinen einmaligen Auftritt zu verschaffen – während die Großproduktionen nur einen Ereignischarakter vortäuschen, mit dem das Festival dem (insbesondere von Silvio Berlusconi erhobenen) Vorwurf der Selbstreferenzialität zuvorkommen kann.

Einer dieser kleinen Videofilme, für die allein sich die Chose lohnt, ist „Serbie, Année Zéro“, ein Dokumentarfilm des serbischen Filmemachers und Theaterautors Goran Marković.

Dieser Film endet mit den letzten Tage der Regierung Milošević, mit chaotischen Bildern von der Erstürmung des Belgrader Parlaments und des staatlichen Fernsehgebäudes. Zunächst sieht alles aus wie bei CNN, aber irgendwann verharrt die Kamera auf einem jungen Mann, der beim Plündern einen Sessel ergattert hat und sich mitten auf dem Vorplatz, zwischen schreienden, wild gestikuliertenden Menschen erschöpft auf dem kitschigen Louis-seize-Imitat niederlässt. Sein Gesicht ist müde und ratlos.

„Serbie, Année Zéro“ erzählt, was in den 15 Jahren vor diesem Bild passiert ist. Es geht um den politischen Sound der Ära Milošević und den persönlichen eines Lebensabschnitts, um den Alltag in der Diktatur, um Freunde, die sich mit der Macht eingelassen haben und deren Werdegang Marković ohne je zu werten oder zu verurteilen verfolgt. Es geht um die Bombardierung Belgrads durch die Nato, über die in Marković’ Bekanntenkreis extrem kontroverse Meinungen existieren, und immer wieder um die Haltung des Filmemachers selbst. Dabei versucht er keineswegs, sich als subversiven Beobachter zu stilisieren. Im Gegenteil, die Diktatur, so Marković, sei für ihn im Großen und Ganzen eine bequeme Zeit gewesen, weil ihn das Feindbild Milošević von allen Selbstbefragungen und Sinnstiftungen entbunden habe. Noch bequemer sei die Zeit der Bombardierungen gewesen, weil die aktive Oppositionsarbeit lustiger und aufregender war, als den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten oder endlich eine vernünftige Wohnung zu finden. Krieg als Ausnahmezustand, der, solange man selbst nicht betroffen ist, durchaus seine Qualitäten hat. Mit dieser völlig uneitlen, entwaffnenden Selbstentblößung ist Marković seinen Belgrader Intellektuellen- und Künstlerfreunden um einiges voraus. Der französische Pseudophilosoph Bernard-Henri Lévy hingegen verfällt beim flanierenden Plaudern mit dem Filmemacher in einen aufgesetzten Betroffenheitsdiskurs über Barbarei und wiedererwachten Faschismus, bei dem nur indirekt durchscheint, dass auch einige westliche Berufsintellektuelle bei diesem Konflikt auf ihre Kosten kamen.

„Serbie, Année Zéro“ hat noch einen weiteren Kampfplatz: Marcović’ Krieg gegen sein eigenes Übergewicht, wobei die Aufnahme des immer wieder um die magische 100-Kilo-Marke kreisenden Zeigers den eigentlichen Rhythmus des Films bildet. Eine mythische Schicksalswaage, die sich nach dem Sturz des Diktators in eine andere Richtung bewegen wird. Nach dem Krieg kommt die Zivilisation, kommt die Diät.

KATJA NICODEMUS

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