heute in hamburg: „Es bräuchte ein stärkeres Umdenken“
Foto: Milena Zupaniec
Albert Lieberg, 56, ist Autor und arbeitet als Funktionär und Berater für die Vereinten Nationen.
Interview Yasemin Fusco
taz: Herr Lieberg, möchten Sie Geld abschaffen?
Albert Lieberg: Wir haben über die letzten Jahrhunderte eine völlige Abhängigkeit des Menschen vom Geld geschaffen. Der Besitz von Geld entscheidet über die Höhe des Lebensstandards, über Mitbestimmung oder Ausgrenzung, und selbst über Leben und Tod. Wir müssen uns als reife moderne Gesellschaft vom selbstauferlegten Diktat des Geldes befreien.
Was sollte stattdessen geschehen?
Es bedarf eines komplexen Herangehens, weil Sozial- und Wirtschaftssysteme, die Erziehung, die Wertestrukturen entsprechend neu ausgerichtet werden müssen. Es muss langfristig zur Entmonetarisierung unserer Lebensverhältnisse kommen, wie es Jean Ziegler über mein Buch geschrieben hat. Also die Abkopplung der wichtigsten Gesellschaftsbereiche vom Geldwert und Überführung ins gesellschaftliche Gemeingut.
Was können Teilnehmer Ihrer Lesung tun, um einem Systemwechsel näher zu kommen?
Scheinbar evidente Zusammenhänge in Frage stellen, sich objektiv ein Bild machen. Beispielsweise zum „Made in Germany“ als Abzeichen für gut entlohnte und umweltschonende Produktion – ein falscher Mythos. Nachdenken, ob man all die Dinge, die man sich anschafft, wirklich benötigt, um glücklicher zu sein. Viel mehr Menschen, egal welchen Alters, müssen sich gesellschaftlich und politisch einbringen, in Gruppen, in Bewegungen, damit das Bewusstseins für die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Systemwechsels wächst.
Sie unterstützen die Idee einer Weltgemeinschaft. Was meinen Sie damit?
Lesung: „Systemwechsel ‒Utopie oder existenzielle Notwendigkeit“, im Weltladen, Osterstraße 171, 20 Uhr
Unsere biologische Spezies dominiert seit langem unseren kleinen Planeten. Dabei hat sie sich fast 200 Einzelstaaten errichtet, mit ebenso vielen Armeen, Verfassungen und dies nicht um sich vor einer anderen Spezies zu schützen, sondern vor sich selbst – absurd und evolutionär einfach nur dumm. In unserer durchglobalisierten Welt gibt es kaum mehr echte Unterschiede in den Werten und Wünschen der einzelnen Menschen, egal wo. Gerade deshalb müssen wir für das Zusammenarbeiten, für den Zusammenhalt uns einsetzen.
Braucht es eine stärkere Aufmerksamkeit dieser existenziellen Themen?
Es braucht ein stärkeres Umdenken und da können Sie als Medienschaffende die Leser auf diese Themen aufmerksam machen, um die Gesellschaft nachhaltig zu informieren.
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