großraumdisco: Irgendetwas kann an diesem Ort immer mal explodieren
Bestimmt nicht Strammstehen: Wo einst in Hohenlockstedt in Schleswig-Holstein exerziert wurde, findet sich heute eine Keimzelle für Comic-Kunst
Die Gemeinde Hohenlockstedt in Schleswig-Holstein ist nicht gerade der place to be. Holo, wie es auch genannt wird, ist eher unauffällig. Mit dem Bus 6180 erreiche ich es von Wrist aus und passiere ein Schild, das auf eine Attraktion aus der militärischen Vergangenheit des Ortes hinweist: ein Ehrenmal namens „Jääkarimuistomerkki/Jägerstein“, mit dem der finnischen Soldaten gedacht wird, die hier im Zweiten Weltkrieg ausgebildet wurden.
Dann hält der Bus direkt vor deren ehemaliger Ausbildungsstätte, dem „Högerbau“, einem großen verputzten Backsteingebäude, das von dem später durch das „Chilehaus“ in Hamburg bekannt gewordenen Architekten Fritz Höger geplant wurde. 2018 kaufte die Arthur-Boskamp-Stiftung das Haus, das nun unter Denkmalschutz steht. Jetzt wird hier Kunst erschaffen und das Kuratieren gelernt. An Gastkuratorinnen werden Stipendien vergeben, Ausstellungen, Workshops, Sommerfeste und queere Partys organisiert. Und für die Jugend gibt es ein besonderes Angebot: Seit einigen Jahren besteht hier eine Comic-Gruppe, die passend zum Kuratoren-Leitgedanken, die „Kunst als ökologische Praxis“ zu untersuchen, zuletzt mehr oder weniger Passendes zum Motto „Comics, Kompost und Karotten“ produzierte.
In einem hell erleuchteten hohen Raum sitzen 12 junge Menschen um einen Tisch. Einige sind ins Zeichnen in ihren Skizzenbüchern vertieft, andere versuchen, Papierfetzen um Ballons zu kleben. Niemand redet laut, still ist es ist dennoch nicht. Das Kratzen von Stiften auf dem Papier ist zu hören, das Hantieren mit den Luftballons macht Geräusche.
Neben einem jüngeren Kind, das an einem Ballon herumbastelt, steht ein Erwachsener. Heute ist das Jan, der gerade beim Kleben hilft. Sonst ist es sein Job, die Gruppe ein wenig zu inspirieren. Er zeigt mir eine Methode, mit der sich Anfangsblockaden lösen lassen: Auf einem blauen Plakat sind Felder mit den Augenzahlen von Würfeln aufgezeichnet. In jedem Feld steht eine Aufforderung wie etwa „irgendetwas explodiert“ oder „Aliens kommen“. Auf den aufgehängten Werken im Raum sind Explosionen und Aliens zu sehen.
Die Gruppe ist offen für alle, die an einem Freitagnachmittag bis zu vier Stunden Zeit haben und in den Högerbau kommen können. Das dauert 15 Minuten mit dem Auto und eine Stunde mit den Öffis, wenn man aus dem Nachbarort kommt, erklärt Stine. Ein Hindernis sei das nicht. In den Jahren hat sich ein Kern gebildet. Die 11- bis 17-Jährigen sind über das Jugendzentrum, die Schule oder Streetworker auf das Gratisangebot aufmerksam geworden. Etwas Vergleichbares gibt es in der Gegend sonst nicht.
Die Arthur-Boskamp-Stiftung
in Hohenlockstedt betreibt drei Programme. In dem einen geht es um das Kuratieren, das zweite steht für Aktivitäten in Zusammenarbeit mit „Menschen vor Ort für den Ort“, und drittens vergibt die Stiftung alle zwei Jahre zwei Förderpreise an Künstler*innen, die einen Bezug zu Norddeutschland haben.
Die nächste Stadt, in der Design und Kunst studiert werden kann, ist Kiel. Daher kommen Jan, Katharina und Kaja, die die Gruppe abwechselnd begleiten und leiten. Aber nicht zu viel, denn hier haben sich Individualisten versammelt. Von Lennard, 15, der heute konzentriert einen Ballon beklebt, gibt es mittlerweile bereits etwa 200 Seiten mit seit Jahren durchlaufenden Charakteren zu durchblättern. Er hat einen plakativen Zeichenstil und arbeitet schnell mit Filzstiften und ohne Lineal. Stine zeichnet sehr exakt mit Fineliner Figuren im Anime-Stil. Syd hat einen winzigen Drucker dabei, mit dem er gleich Sticker von seinen Zeichnungen ausdrucken kann. Jay, 16, die sich an der hinteren Ecke des Tisches ausgebreitet hat, kommt manchmal auf Rollschuhen und trägt Retrokleidung, die an die Filmfigur „Beetlejuice“ von Tim Burton erinnert. Auch andere Figuren aus diesem Universum kommen in ihrem Skizzenbuch vor, die sie in ihre Plots einwebt. Mit dem Smartphone animiert sie Zeichnungen zu kurzen Filmen und erklärt eifrig, worum es dabei geht. So viele eigene Welten liegen darin, dass ich mehr staunen kann als zu begreifen.
Egal, es ist zu erkennen, dass hier der Raum, die Zeit und die nötige Kontinuität für diese Welten besteht.
Ideen, die manchmal auch nach draußen drängen: Die heute beklebten Ballons sollen Laternen werden und dann beim Pellkartoffelfest, dem Highlight in Holo, beim Umzug durch die Straßen gezeigt werden. Imke Staats
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