die wahrheit: ich habe in Kassel ein Kunstwerk erschaffen

In der vergangenen Woche war ich für vier Tage in Kassel. "Aah, documenta", aahten die Daheimgebliebenen sofort ahnungsvoll, wenn sie den Namen Kassel nur hörten...

In der vergangenen Woche war ich für vier Tage in Kassel. "Aah, documenta", aahten die Daheimgebliebenen sofort ahnungsvoll, wenn sie den Namen Kassel nur hörten. Von wegen documenta! Von wegen Kunst ansehen! Ich habe in Kassel mein eigenes Kunstwerk geschaffen.

Die documenta 12 zeichnet sich weniger durch brillante Kunst als durch seltsam selbstverliebte und radikal schlichte Künstlerideen aus. So hat der Österreicher Peter Friedl eine ausgestopfte Giraffe aus Palästina nach Kassel schaffen lassen, aber dem von ihm zum Kunstwerk erklärten Tierpräparat sonst nichts weiter hinzugefügt. Auch der chinesische Documenta-Star Ai Weiwei hat sich auf dem Ideenfeld ausgetobt und 1.001 seiner Landsleute nach Kassel gebracht. Zu mehr künstlerischer Gestaltungskraft hat es bei diesem Werk nicht gereicht. In Kassel sind also derzeit 1.001 Chinesen unterwegs. Dolle Sache, das!

Was ein Österreicher und ein Chinese können, das kann ich schon lange, sagte ich mir und wanderte vier Tage durch die Hauptstadt der Kunst, allein mit meiner Idee, kein einziges seriöses Kunstwerk sehen zu wollen. Das ist eine Kunst! Und keine leichte bei rund 1.400 Veranstaltungen. Sobald ich nur Kunst roch, bog ich eilig in eine abgelegene Seitenstraße ein.

Ich schlenderte an den großen Ausstellungsorten vorbei, dem Fridericianum und der Neuen Galerie, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Mitten auf dem großen Platz davor steht ein Karussell - oder besser: soll stehen, denn ich habe es ja nicht gesehen. Der Künstler Andreas Siekmann hat dort angeblich ein Polit-Karussell installiert, das "aufklären und anklagen will". Da hilft nur eins: gar nicht ignorieren. Die holländischen Kulturtouristen waren allerdings nicht wenig verwundert, als ich mit einer Hand vor den Augen an dem Karussell vorbeistolperte.

Überhaupt wurde meine Kunstaktion mit der Zeit immer provokanter: Ich erfuhr, dass meine Cousine, die in Bochum und Bologna Kunstgeschichte studiert hatte, als Fachkraft auf der documenta arbeitete. Ich schlug ihr vor, mich einer ihrer Führungen für amerikanische Touristen anzuschließen - mit verbundenen Augen. Meine Cousine winkte ab. Wahrscheinlich hält sie mich jetzt endgültig für verrückt.

Am schwierigsten aber war es, den 1.001 Chinesen zu entkommen. Der perfide Ai Weiwei hatte sie über die ganze Stadt verteilt. In kleinen Gruppen schlenderten sie durch die Straßen, obwohl man sich nie sicher sein konnte, ob es sich dabei nicht doch um Kellner ortsansässiger chinesischer Restaurants handelte, die einem da entgegenkamen.

Einmal musste ich schlagartig fliehen, als gleich fünf junge chinesische Frauen auftauchten. Ich sah mich um. Es blieb nur ein Ausweg. Ich flüchtete in einen Sex-Shop und bemerkte gerade noch, dass draußen an der Eingangstür ein Schild hing: "Aushilfe gesucht". Da ist es! Die Idee! Mein nächstes Kunstprojekt.

Ich würde fünf Jahre lang in Kassel als Aushilfe in einem Sex-Shop arbeiten. Dann würde ich mich selbst auf der nächsten documenta mit der passenden Nummer 13 als "unglücklicher Lebenskünstler" ausstellen. In einer schwarzen Box unter rotem Licht. Kunst kommt schließlich von einen Knall haben.

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