die wahrheit: Eine schweinische Mädchen-Geschichte

Ein emsiges Mädchen bin ich, das alle Tage in der Stadt unterwegs ist, unermüdlich, zu Fuß, mit Bus und Bahn. Niemand kann mir vorwerfen, ich trüge dabei nicht stets schwere Taschen.

Ein emsiges Mädchen bin ich, das alle Tage in der Stadt unterwegs ist, unermüdlich, zu Fuß, mit Bus und Bahn. Niemand kann mir vorwerfen, ich trüge dabei nicht stets schwere Taschen und Beutel. Manchmal fahre ich sogar in Nachbarstädte, mindestens ebenso bepackt wie sonst. Doch damit nicht genug: Öfter als einmal habe ich schon auswärts übernachtet. Solche Übernachtungen haben etwas Problematisches, weil viel Peinlichkeit damit verbunden ist. Man vernachlässigt die Körperpflege, verliegt sich die Haare in fremden Betten, man kann nicht so, wie man will, alles ist falsch.

Auf meinen zahllosen Reisen trage ich Kleidung, die insgesamt zwar praktisch, teilweise aber nicht nach meinem Geschmack ist. Mein hochgeschlossenes Mäntelchen etwa lässt mich kindlicher erscheinen als nötig, doch so hat es der Familienrat beschlossen aufgrund ungeschriebener Gesetze. Etwaige Begehrlichkeiten seitens ambulanter Kindsverderber sollen an diesem Panzer zuschanden werden. Tatsächlich bleibe ich unbehelligt dank der zur Schau getragenen abstoßenden Unschuld. Die Harmlosigkeit meines Aussehens steht jedoch in schreiendem Gegensatz zu meinen tatsächlichen Persönlichkeitsverhältnissen: Mein Leib ist eine einzige Schweinerei - diesen Satz muss ich in der Schule wöchentlich tausendmal schreiben.

Ein Musiker, der spielt wie ein Schwein, hat passenderweise Gefallen an mir gefunden. Geschehen konnte dies, weil ich im Moment seiner Annäherung lediglich ein Katzenfell in der linken Hand trug. So kamen wir ins Gespräch, und seither sieht er viel von einer Frau in mir, wie er sagt. Unsere Verbindung stellt für ihn den Schlüssel zu seiner dauerhaften seelischen Gesundheit dar. Bei der Aufrechterhaltung derselben möchte ich ihm gern weiterhin behilflich sein. Zugegebenermaßen nicht völlig uneigennützig, denn die Beschäftigung mit ihm bietet mir eine willkommene Abwechslung in meinem Reisealltag.

Denke man angesichts meines zarten Alters nun aber nicht, der Musiker sei der Erste, mit dem ich es zu tun habe. In der Vergangenheit sollte ich auf Beschluss des Familienrats einen elfjährigen Arzt heiraten, der beruflich ein totaler Versager war und zum Glück rechtzeitig unter einen Kran kam. Daher konnte ich Sitzfläche und Schoß für einen Würdigeren bewahren.

Ich will, da hier noch etwas Platz ist, davon erzählen, wie der Musiker und ich unsere gemeinsame Zeit gestalten. Dieselbe ist übrigens knapp bemessen, weil ich alle Tage in der Stadt unterwegs bin und der Musiker häufig auftritt. Aber wenn es sich dann doch einmal ergibt, erblüht die Schweinerei meines Leibs, während ich bei ihm übernachte. Der Familienrat darf nie etwas davon erfahren, man würde mich in mein Mäntelchen einnähen.

Schade, nun reicht der Platz doch nicht mehr für Einzelheiten unseres intimen Treibens; zuerst will das Textende nicht kommen, und dann ist es plötzlich da. Nur so viel vielleicht noch zu meiner vorstehend erwähnten Leiblichkeit: Ich weiß manchmal gar nicht, wie meine Knie aussehen, und muss im Spiegel nachsehen. Bei Mädchen soll das aber ganz normal sein, habe ich gehört. Auch, dass man sich die eigene Haarfarbe nicht merken kann.

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kari

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