die wahrheit: Kommunikative Knäste

"Bleiben Sie in Kontakt!" So wirbt die Emirates-Fluglinie mit Handyverbindungen an Bord. Was in der Luft funktioniert, geht auch im Knast - jedenfalls in Irland.

"Bleiben Sie in Kontakt!" So wirbt die Emirates-Fluglinie mit Handyverbindungen an Bord. Was in der Luft funktioniert, geht auch im Knast - jedenfalls in Irland. Zwar sind den Gefangenen Mobiltelefone verboten, aber wer wegen Mordes oder anderer Schwerverbrechen einsitzt, schreckt auch nicht vor unerlaubtem Handybesitz zurück.

Die Schwarztelefonierer sind aufgeflogen, als John Daly, der wegen bewaffneten Raubüberfalls verurteilt worden war, vor einiger Zeit aus seiner Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Portlaoise bei einer Radio-Talkshow anrief und an einer Diskussion über organisiertes Verbrechen teilnahm. Er müsse jetzt auflegen, sagte er, als die Wärter, die ebenfalls Radio gehört hatten, in die Zelle stürmten.

Daly war ein Trottel. Er hatte eine Tankstelle in Dublin überfallen. Als die Polizei sein Haus durchsuchte, fand sie die Tatwaffe. Daly wurde gegen Kaution freigelassen, prompt überfiel er dieselbe Tankstelle erneut. Diesmal brummten sie ihm neun Jahre auf, doch nach knapp zwei Jahren kam er wegen guter Führung aus dem Gefängnis. Lange Freude hatte er an der Freiheit nicht. Neulich wurde er von ehemaligen Mithäftlingen erschossen, die wütend darüber waren, dass man wegen Dalys Blödheit ihre Zellen durchsucht und ihnen Handys und andere Kontrabande weggenommen hatte.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr mehr als 2.000 Handys in irischen Gefängnissen beschlagnahmt, aber der Nachschub ist unerschöpflich. Die Drogenbarone leiten ihre Geschäfte per Telefon weiterhin aus dem Knast. Anfang des Monats wurden 41 Pistolen und Drogen im Wert von 4,2 Millionen Euro in Dublin beschlagnahmt. Der Drahtzieher der Schmuggelei saß im Gefängnis. John Gilligan, der berühmteste Unterweltboss Irlands, dessen Geschichte in einem Hollywoodfilm über die ermordete Journalistin Veronica Guerin erzählt wird, hatte sein Handy bereits vorher eingebüßt: Er hatte nachts in seiner Einzelzelle so laut geredet, dass die Wärter misstrauisch wurden.

Den Drogenhandel im Gefängnis muss man allerdings nicht mit einem Handy dirigieren. Zwei Wärter und ein staatlicher Drogenberater wurden beim Schmuggeln erwischt, und neulich entdeckte man Kokain in der Gehhilfe einer alten Dame, die ihren Enkel im Knast besuchen wollte. Der Markt ist groß, die Gefängnisse sind überfüllt - außer Shelton Abbey im Südosten Irlands. Dort sind voriges Jahr 72 Gefangene abhanden gekommen. Obendrein hatte man den Gewaltverbrecher Mark Kenny versehentlich entlassen. Eigentlich sollte sein gleichnamiger Mithäftling, der wegen Verstoßes gegen die Verkehrsordnung saß, freikommen.

Drogen in die Gefängnisse zu schmuggeln, ist einfach. Aber einen Wellensittich? Der Vogel wurde von einer Besucherin in der Vagina ins Portlaoise-Gefängnis geschmuggelt und lebte dort monatelang unentdeckt. Sein Besitzer bestellte das Vogelfutter offiziell im Knastladen. Vermutlich kannte er den Film "Birdman of Alcatraz", der auf einer wahren Geschichte basiert: Der Gangster Robert Stroud, der 53 Jahre in Alcatraz verbrachte, rettete einen Spatzen, der aus dem Nest in den Gefängnishof gefallen war, und wurde später ein weltbekannter Ornithologe.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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kari

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