die wahrheit: Hexen mit dem Dax

Das Chaos des augenblicklichen Irrsinns zu bändigen, mag einem Kunststück gleichen, auf diesem kargem Raum ist es simpel, zumal das Chaos nur vorgetäuscht ist...

Das Chaos des augenblicklichen Irrsinns zu bändigen, mag einem Kunststück gleichen, auf diesem kargem Raum ist es simpel, zumal das Chaos nur vorgetäuscht ist und dem Irrsinn bekanntlich eine irre Logik innewohnt. Fakten und Zahlen sollen sprechen, statt raunende Hexerei schlichte Rechnerei. Oder, um es mit einer Sentenz eines garstig konservativen Katholiken zu sagen: "Allein die Betrachtung des Unmittelbaren rettet uns in diesem unbegreiflichen Universum vor der Langeweile."

Nach den Unterlagen, die mir zur Verfügung stehen, erreichte der DAX am 733.445 Tag unserer Zeitrechnung, sprich am vergangenen Donnerstag, einen Stand von 4.510 Punkten. Um wie viel Uhr genau? Nun ja, eine gewisse Streubreite mag erlaubt sein.

Vor wenig mehr als fünf Jahren, am 2. Januar 2004, schloss der DAX, wieder gestärkt nach dem Platzen der Dotcom-Blase, über der 4.000-Punkte-Marke. Der gemeine Aktienbesitzer steht heute also ungefähr dort, wo er vor einer lächerlich winzigen Zeitspanne - vor pi mal wackelndem Daumen 1.850 Tagen - hoffnungsfroh nach oben spähte. In Anbetracht dieser errechneten, temporäre Verhältnisse klärenden Blickwinkelzüge würde Karlsson vom Dach das Krisengesummse mit dem unzerstörbaren Satz kommentieren: "Das stört doch keinen großen Geist." Und dennoch, seltsam und keine Frage, ein Elend dröhnt allüberall.

Das Platzen jener Blase schmerzte im Unterleib womöglich, korrespondiert andererseits in etwas größerer Entfernung mit der ausgefeiltesten Bemerkung der vergangenen Tage. Kürzlich verlangte irgendeiner die "Verankerung der Schuldenbremse im Grundgesetz". Irgendein anderer erlebte die Sitzung, die sich damit befasste, als eine "Sternstunde". Die zwangsläufig in der Tiefe platzierte Verankerung einer Bremse ist doch was. Sie mit dem Himmelsgewölbe irgendeines unbegreiflichen Universums zusammenzudenken, ist mindestens ein Quantensprung höher, weiter, mehr. Oder vielmehr nicht so doll.

Unbegreiflich und vage für Einfaltspinsel wie mich verlief eine Episode aus dem Börsenkasino, die Porsches Finanzchef Holger Härter inszenierte, der, wie es heißt, ein "Fan" von Franz Kafka ist. Härter - no jokes with names! - hatte Derivate mit "cash gesettelten Optionen" abgeschlossen, also Wetten mit Banken, ob der Wert der VW-Aktie steigt oder fällt. Entgegen dem Absturz der Automobil-Aktien schoss der VW-Kurs pfeilgrad in die Höhe, als Härter bekannt gab, dass Porsche sich das Recht gesichert habe, "bei Ausübung erstandener Call-Optionen" auf VW über die absolute Mehrheit des Stimmrechts bei VW zu verfügen. Statt die Optionen auszuüben, also Aktien zu kaufen, "realisierte" Porsche den Spekulationsgewinn der Wetten in Höhe von mehr als sechs Milliarden Euro. Finanzinvestoren, die auf den Fall der VW-Aktien gewettet hatten, standen dagegen plötzlich auf der Straße mit der nackten Hand im Wind.

So dermaßen unbegreiflich scheint dieses Paralleluniversum gar nicht zu sein, welch ein Wunder. Statt nun ein fein abgestimmtes Kafka-Zitat als billige Pointe zu setzen, entlangweilen wir uns, betrachtend das irgendwo verankerte Unmittelbare, das keinen großen Geist stört.

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