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die ortsbegehungStatt Silber finden sich nun Rosinen im Stollen

Durch Zufall wurde in den Neunzigern in Annaberg ein 500 Jahre altes Bergwerk entdeckt. Heute fahren Touristen, Feuerwehr und Bäcker mit Blick auf Weihnachten in den Stollen ein

Aus Annaberg Uwe Rada

Langsam reifen müssen sie noch, die 555 Weihnachtsstollen der Annaberger Backwaren GmbH – und das am besten bei einer konstant niedrigen Temperatur. Wie jedes Jahr im Oktober schleppen deshalb die Mitarbeiter der Bäckerei ihr Gebäck 80 Stufen hinab in den ersten Schacht des Besucherbergwerks „Im Gößner“. Stollen im Stollen: Glück auf, kann man da nur wünschen.

Glück hatten sie in Annaberg, als das ehemalige Bergwerk durch Zufall 1992 entdeckt wurde. Oberhalb des Marktes wurde nahe der Annenkirche ein neues Sparkassengebäude geplant. Weil der Baugrund der Erzgebirgsstadt durchlöchert ist wie sonst nur Schweizer Käse, ist vor jedem Neubauvorhaben eine Bohrung erforderlich. So stießen die Denkmalschützer auf das ehemalige Silberbergwerk, eines von 600 Bergwerken, die in der Zeit des späten Mittelalters hin zur Neuzeit unter der Stadt aktiv waren.

Einst sammelten sich hier Fäkalien

Stollen hätte man zum Zeitpunkt der Entdeckung allerdings nicht zum Reifen einlagern können. Denn aus den Schächten muss es fürchterlich gestunken haben. Das erzählt der Guide, mit dem eine Gruppe von 10 Besucherinnen und Besuchern kurz vor der Einlagerung der Weihnachtsstollen „einfährt“, wie es in der Bergmannssprache heißt.

„Bis Annaberg eine Kanalisation bekommen hat, wurden sämtliche Fäkalien in die ehemaligen Stollen geleitet“, erläutert der Guide. Davon ist beim Abstieg auf erst 13 und dann 24 Meter Tiefe nichts mehr zu riechen. Nur feucht ist es – und eben konstant 8 Grad kühl.

Als das Bergwerk zwischen 1497 und 1520 in Betrieb war, mussten die Bergleute bis zu 104 Meter tief hinabklettern. Das hatte auch Folgen für die deutsche Sprache. „Die Bergleute, die nicht mit der Leiter, sondern mit dem Seil einfuhren“, erzählt der Guide, „blieben manchmal in den Seilen hängen.“ Und noch eine Redewendung hat der Bergbau im Erzgebirge dem Deutschen geschenkt. „Wer die Haspel nicht richtig bediente, an denen die Seile hingen, hat sich verhaspelt.“

Eng ist es unter Tage, immer wieder heißt es, sich bücken. Mit ihren Schlägeln und Eisen haben sich die Bergleute mühsam vorgearbeitet. Mehrere Schlägel mussten sie mit unter Tage nehmen, denn Stahl gab es damals noch nicht und Eisen wurde schnell stumpf.

Nur wenige Zentimeter am Tag kamen die Bergleute voran – immer auf der Suche nach einem der schmalen, oft nur einen Zentimeter breiten Erzgänge, wie das auf Bergbaudeutsch heißt. Und woher wussten die Bergleute, dass sie einen Silbergang gefunden hatten, fragt eine Besucherin. „Sie haben es gerochen“, lautet die Antwort. „Denn Silber riecht ein wenig wie Knoblauch.“

Die ersten Silberfunde hatte es im Erzgebirge schon 1168 in Freiberg gegeben. Bald strömten Tausende in die blühende Bergbaulandschaft. Abgebaut wurden neben Silber auch Zinn, Kobalt und Nickel – und später auch Uran. Mit dem Ende des Uranabbaus durch das Bergbauunternehmen Wismut war dann 1990 Schluss mit dem Bergbau.

An einer Stelle endet der Stollen. Es ist die unterirdische Grenze zur Gemarkung der Annenkirche in Annaberg. Für den Bergbau ist das Gotteshaus ein Tabu gewesen.

Und für Annaberg ein weiteres Glück. Denn auf einem der seitlichen Altäre hat der Maler Hans Hesse im Jahre 1522, also kurz bevor das Silberbergwerk ausgeerzt war, auf der Rückseite ein berühmtes Bild gemalt. Es zeigt Szenen aus dem Alltagsleben der Bergleute, die den Altar einst gestiftet haben.

Die Region ist Unesco-Welterbe

Der „Bergaltar“ in der Annenkirche, dem „Bergmannsdom“ der Stadt, gehört seit 2019 zum Unesco-Welterbe „Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří“. Wie sehr der Bergbau zur regionalen Identität gehört, zeigt auch die nahe Tourismusinformation. Auf T-Shirts, Bleistiften und Flaschenöffnern ist nur der eine Gruß zu finden: Glück auf.

Nix wie hin

Die Besonderheit

Wer von Chemnitz mit der Erzgebirgsbahn Richtung Cranzahl fährt, hat in Annaberg-Buchholz drei Bahnhöfe zur Auswahl. Nah am Markt und der Annenkirche liegt keiner von ihnen. Ein bisschen Wegstrecke zu Fuß sollte also eingeplant werden. Der Eingang zum Erzgebirgsmuseum und zum Besucherbergwerk „Im Gößner“ befindet sich in der Großen Kirchstraße 16.

Das Zielpublikum

Einlass ist nur für Erwachsene und Kinder ab 6 Jahren. So sieht es die Vorschrift des Oberbergamtes vor. Wichtig sind Trittsicherheit und natürlich festes Schuhwerk. Helme zur Ausleihe gibt es vor Ort.

Hindernisse auf dem Weg

Gibt es auf Schritt und Tritt. Deshalb auch der Helm. Zur Belohnung lohnt dann ein Abstecher in die benachbarte Annenkirche und zum Bergaltar mit dem berühmten Gemälde.

Der Bergmannsgruß, der in der von Abwanderung geprägten Region wie ein trotziges Sich-auf-die-Schulter-klopfen klingt, stammt wie das Besucherbergwerk aus der Zeit um 1500. Glück auf bedeutete nicht nur, gesund aus dem Schacht zu fahren. Es ist auch der Wunsch, beim Aufschluss eines neuen Stollens endlich Silber zu finden.

Wenn zu Weihnachten die Stollen wieder aus dem Stollen fahren, haben die Touristen das Bergwerk dennoch nicht für sich allein. Auch die Feuerwehr, zu der in Annaberg eine Spezial­einheit gehört, schaut hier gern vorbei. „Die trainieren bei uns Bergbau- und Höhenrettung“, sagt der Guide.

Nach der Führung heißt es auf engen Metallstufen 24 Meter hochsteigen. Gleich daneben befindet sich der sehr viel engere Schacht, in den die Bergleute um 1500 eingefahren sind.

Wenn sie nicht gerade in den Seilen hängen geblieben sind oder sich oben einer verhaspelt hat.