der anstoß: Sie glaubte und wusste
Foto: Edwin Stein and John Kreissler/Wisconsin State Journal/CC
Wenn Technik weit genug fortgeschritten ist, lässt sie sich nicht mehr von Zauberei unterscheiden. Das hat, sinngemäß, der Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke gesagt. Und es ist so ein Satz, an den sich Menschen gerne dann erinnern, wenn gerade wieder eine besonders verblüffende Technologie den Alltag verändert: Wie, wenn nicht magisch, muss etwa drahtloses Hochgeschwindigkeitsinternet auf jemanden wirken, der vielleicht noch gar nicht lange elektrischen Strom nutzen kann? War es diese Magie, die die katholische Ordensschwester Mary Kenneth Keller an Computern faszinierte? So sehr, dass sie sogar die erste Professur der zu ihrer Zeit gerade erst entstehenden Computerwissenschaften bekam?
Geboren 1913 im US-amerikanischen Mittelwesten, fand Evelyn Marie Keller mit 19 Jahren zum Glauben und trat den Sisters of Charity of the Blessed Virgin Mary bei, einem ungewöhnlich aufgeschlossenen, bildungsaffinen Orden. 1940 legte sie die Gelübde ab und wurde endgültig zu Schwester Mary Kenneth Keller – nach der Gottesmutter Maria hießen sie dort alle.
Anders als ihre Eltern hatte das zweite von vier Kindern die High School besucht und danach das College. 1943 erwarb Sister Mary Kenneth einen Master of Science in Mathematik, nochmal zehn Jahre später einen Abschluss in Physik.
Sie sei „einfach losgegangen, um mir einen Computer anzusehen“ – und nie wieder zurückgekommen: So hat Sister Mary Kenneth es später beschrieben. In Kontakt kam sie mit den damals klobigen Geräten bei einem Sommer-Workshop am Dartmouth College; das nahm damals noch gar keine Studentinnen auf, eigentlich.
Noch ein Satz ist überliefert: Es habe für sie so ausgesehen, als wäre der Computer „das revolutionärste Werkzeug, das mir für die Mathematik zur Verfügung stehen“ werde. Und damit meinte die langjährige Schullehrerin „revolutionär“ auch für die Vermittlung von Wissen. Denn an einer Universität arbeiten, das bedeutete für sie nicht nur Forschung, sondern vor allem: gute Ausbildung. An der heutigen Clarke University gründete sie den Informatik-Lehrstuhl mit und ermutigte Frauen, dort zu studieren – und zu lernen, den Geräte Anweisungen zu geben, die so vieles verändern würden. Dass sich Ungerechtigkeit in Code einschreiben lässt und deswegen nicht egal ist, wer ihn programmiert, bewiesen in den kommenden Jahrzehnten Dutzende Studien.
1965 wurden in den USA die ersten beiden Doktortitel in Computer Science verliehen. Einen erhielt, an der Universität von Wisconsin, eben, Sister Mary Kenneth. Ihre Vorreiterinnenrolle muss sie sich teilen mit einem Mann, am selben Tag promoviert in St. Louis. Erinnert sich an den auch noch wer? Alexander Diehl
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