der anstoß: Als ein Fuß wieder Boden fand
Die geopolitische Lage in Europa und Vorderasien zu Beginn der 1990er-Jahre: Kurz nach dem Ende des Zweiten Golfkriegs tobt noch immer der Krieg im ehemaligen Jugoslawien und die Sowjetunion ist gerade zerfallen. Unzählige Menschen haben Gewalt, Folter und Verfolgung erfahren. Vor allem Geflüchtete aus Jugoslawien, Rumänien, der Türkei, Libanon und Polen suchen in Deutschland Schutz.
Diesen Schutz will ihnen eine Gruppe von Ärzt*innen, Psycholog*innen, einer Krankengymnastin, Sozialarbeiter*innen und einer Kunsttherapeutin ermöglichen. 1992 gründeten sie in Berlin das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo), das heute unter dem Namen „Zentrum Überleben“ bekannt ist.
Christian Pross ist einer von ihnen. Als Mitglied der Ärztekammer ist Pross 1989 einer der Initiatoren der Ausstellung „Der Wert des Menschen – Medizin in Deutschland 1918–1945“. Auf dem Ärztetag setzt sich die Ausstellung mit der Verstrickung der Ärzteschaft in die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Folgen von Folter auseinander.
„Das war neu in der deutschen Ärztelandschaft“, sagt Pross. „Nach der Ausstellung saßen wir in Berlin-Westend zusammen am Tisch – und wir überlegten: ‚Was machen wir jetzt, welche Lehren ziehen wir aus der Vergangenheit?‘“
In den späten 1980er-Jahren gibt es kaum Forschung zur medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung traumatisierter Menschen aus verschiedenen Kulturen. Damals galt noch die herrschende Lehrmeinung, dass traumatische Erfahrungen „keine Langzeitschäden hinterlassen“, sagt Pross. Erst seit 1980 kann die posttraumatische Belastungsstörung überhaupt als psychische Störung diagnostiziert werden. Das Wissen über die Behandlung von Folteropfern und die kultursensible Traumatherapie etabliert sich nur langsam. „Es war Neuland für uns“, sagt Pross.
Beratungsstellen und Psychotherapie für Geflüchtete gibt es zwar schon. 1987 begann Xenion in Berlin, psychosoziale Versorgung anzubieten, seit 1985 besteht das Therapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht der Caritas Köln. Das bzfo ist aber Deutschlands erstes Zentrum, das medizinische Versorgung, Krankengymnastik, Psycho- und Kunsttherapie für Geflüchtete vereint.
„Es war harte Arbeit, die uns alle an unsere persönlichen Grenzen brachte“, sagt Pross. Er erinnert sich besonders an den Fall eines Journalisten aus Äthiopien, der in 12 Jahren Haft schwere Folter erlebte. Sein Körperempfinden litt unter den Folgen der Gewalt: Einen seiner Füße lehnte er so sehr ab, dass er ihn kaum berühren konnte. In der Körpertherapie wurde klar, dass dieser Fuß schwer misshandelt worden war. Während der Behandlung setzte er sich Schritt für Schritt mit seinen Füßen und dem Boden als tragendem Halt auseinander.
Im Laufe der 1990er-Jahre wächst die Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit von Behandlungsangeboten für traumatisierte Geflüchtete – nicht zuletzt dank der Arbeit von bzfo und Xenion. Deutschlandweit entstehen weitere Einrichtungen. 1997 schließen sie sich bundesweit zusammen, 2025 geben sie sich den Namen Bundesverband Psychosozialer Zentren (PSZ) und zählen 51 Einrichtungen.
Laut des aktuellen Versorgungsberichts des Bundesverbands deckten die existierenden Zentren allerdings nur 3,6 Prozent des geschätzten Bedarfs. Die Wartezeit auf Therapieplätze liege durchschnittlich bei 7,4 Monaten, auch die Finanzierung der Einrichtungen sei unsicher.
Viele seiner Klient*innen sind Pross bis heute besonders in Erinnerung geblieben. Der Journalist aus Äthiopien gehört dazu. Vor einigen Monaten ist er gestorben. Pross und drei weitere Mitarbeitende des Zentrums Überleben waren zu seiner Beerdigung eingeladen.Hannah Marlene Göschel
Wie beginnt Veränderung? In der Kolumne „Der Anstoß“ erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.
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