berliner szenen: Katzen drohmiauen nicht
Ich war beim Hundesitten am Kreuzbergpark. Und Katzensitten. War also unter anderem Futter- und Streicheleinheitengeber. Den Hund kannte ich schon, Mäuli jedoch nicht, sie sah aus wie ein kleiner Leopard. Da es keine Katzenklappe gab, sprang Mäuli immer durch die Gitterstäbe des Küchenfensters im Erdgeschoss. Zirkusreif. Während sie am Abend der Mondfinsternis aushäusig war, saß ich mit Freunden und Hütehund Fiete auf dem kleinen Balkon. Von Chips, Getränken und Kerzen umringt, schauten wir in den sich mehr und mehr versichelnden Mond, Fiete kaute seinen Büffelhautknochen. Plötzlich ließ er davon ab, guckte in die Runde und begann zu heulen – Hals vorgereckt, Ohren angelegt. Er verstummte, als ich ihn streichelte, doch dann ging’s weiter. Uw-wuuuu… Ein Freund zückte sein Handy und las uns vor, was die künstliche Intelligenz davon hielt: „Hunde heulen bei einer Mondfinsternis nicht, da der Mond keine direkte Auswirkung hat.“ Er kniff die Augen zusammen: Nein, „eine direkte Auswirkung hat“, steht da, und las weiter: „Der Mythos, dass Hunde oder Wölfe den Mond anheulen, ist falsch.“ Das letzte Wort war noch nicht verklungen, da heulte schon ein zweiter Vierbeiner. Nach und nach stimmten scheinbar alle fellnasigen Nachbarn mit ein – zögerlich auch ein Welpensopran. Ihr Geheul schwoll an zum hündischen Konzert mit bemerkenswerter Häuserfassaden-Akustik.
Als ich später in der Küche Eiskonfekt holte, gab’s ein weiteres Highlight für die Geisterbahn: zwei Schemen, doppeltgroße Katzen wie aus Kunstnebel, übten sich dort im Drohmiauen. Wer wer war, blieb unklar, bis der Eindringling rückwärts durch die Stäbe floh und Mäuli sich in Mäuli zurückverwandelte. Draußen schmunzelten wir drüber. Und die KI ließ verlauten: „Katzen miauen nicht drohend, sie fauchen“.
Felix Primus
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