berliner szenen: Die Blumen meines Nachbarn
Gruppiert in einer Ecke des Hinterhofs stehen seit Kurzem die Blumentöpfe meines Nachbarn. Sie bilden einen Kreis, als hätten sie sich gesammelt – vielleicht um ihn zu betrauern? Die Pflanzen haben ihn überlebt. Und obwohl sie Zimmerpflanzen sind, scheinen sie sich draußen wohlzufühlen. Es geht ihnen sichtbar gut, als hätte sie jemand anders seit Juni, als C. gestorben ist, gegossen. Aber wer?
Ist ihre Anwesenheit im Hof eine Einladung, sie nach Hause zu nehmen? Oder ist sie ein Andenken an C., der so gerne den Garten gepflegt hat und in den wärmeren Monaten aus diesem Grund lebendiger wurde? Diese letzte Option fände ich am schönsten, so wie die Idee, dass sie da bleiben dürfen, wie die Kerzen an seiner Fensterbank, und wir Hausbewohner*innen uns um sie kümmern. Unausgesprochen, wie sonst fast alles im Haus passiert. Ich glaube, dass C. es gefallen würde.
Seine Wohnung im Erdgeschoss wird gerade entrümpelt. Frühmorgens, wenn ich das Haus verlasse, begegne ich dem Menschen, der es allein erledigt. Er steht vor der Tür in einer Denkerpose, eine Schutzmaske unter dem Kinn. Er raucht oder starrt vor sich hin, mustert mich und antwortet nicht auf mein „Hallo“. Um ihn herum Gegenstände, die C. gehört haben. Ich versuche, nicht nach innen zu schauen, denn seine Rollläden standen immer geschlossen.
Auch als ich eine Nachbarin treffe, die an seinem Fenster lehnt und sich anguckt, wie die Wohnung geleert wird, versuche ich schnell davon wegzukommen. Sie dreht sich zu mir und sagt: „Zu traurig, zu traurig.“ Ich sage: „Ja, ich muss jetzt los“, und renne unter die Dusche, um nicht allzu sehr darüber nachzudenken. Abends, wenn es regnet, stelle ich mir vor, wie die Blumen-Runde von unten erfrischt wird, und fühle mich weniger traurig.
Luciana Ferrando
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