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berliner szenenDie Welt kann auch gut sein

Es ist 18:05 Uhr. Über dem S-Bahn­hof Greifs­walder Straße und dem Ernst-Thälmann-Park geht die Sonne unter. Die Farben am Himmel sind so spektakulär, dass wir alle, die wir an den Fensterarbeitsplätzen in der Heinrich-Böll-Bibliothek vor unseren Notebooks, Notizblöcken und Büchern sitzen, aufschauen. Es ist ein nicht geplanter kollektiver Moment.

Der Oberstufenschüler zu meiner Rechten, der neben seinem iPad ein aufgeschlagenes Mathebuch liegen hat, reicht mir einen seiner AirPods: „Mouse On Mars“, sagt er. „Damit kickt das noch mehr.“ Ich stecke ihn mir vorsichtig ins Ohr. Die langsamen elektronischen Wellen und Schleifen passen perfekt. Zwei Plätze neben uns sehen sich ein Mann und eine Frau an. Ich bin mir sicher, dass sie sich bis eben nicht kannten. Aber jetzt erkennen sie sich. Die Welt kann auch gut sein, denke ich.

Ich weiß: Sonnenuntergänge sind kitschig. Dieses Etikett klebt so hartnäckig an ihnen wie die Banderole auf Gewürzgurkengläsern, die man selbst mit heißem Wasser, Spüli und einem Glitzischwamm nie vollständig abbekommt. Eigentlich kann man nicht gewinnen, sondern nur verlieren, wenn man über Sonnenuntergänge schreibt. Aber vielleicht, ganz vielleicht gibt es manchmal Ausnahmen.

Als ich mir am Abend die Statusmeldungen und Storys meiner Kontakte anschaue, sehe ich Sonnenuntergänge in allen Ecken und Winkeln der Stadt. Selbst meine nüchternsten Bekannten haben einen dramatisch gefärbten Himmel in ihrem Status. Da sind nicht nur Trump und Musk und die Ukraine und Gaza.

Es gab eine Menge graue Tage in letzter Zeit. Es scheint, als ob dieser Sonnenuntergang nicht kitschig, sondern überlebensnotwendig war. Ich kann jedenfalls keinerlei Klebereste an ihm entdecken.

Daniel Klaus

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