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berliner szenenCousins muss man doch lieben

Obwohl es Wochenende ist, ist die Schlange beim Schwabenbäcker am Mirbachplatz erstaunlich kurz. Vor mir warten nur drei Kunden. Im Kopf gehe ich noch einmal die Wünsche meiner Familie durch. Für Marie eine Seele und eine Buchtel, für Flora ein Quarkteilchen und eine Käselaugenstange. Und Johanna möchte zwei Mohnbrötchen.

„Liebst du auch Cousins?“, sagt da eine Stimme hinter mir. Ich drehe mich um, aber da ist niemand. Ich bin immer noch das Ende der Schlange. Etwas zupft an meinem Bein. Ich sehe nach unten. Ein kleiner Junge schaut zu mir hoch. „Liebst du auch Cousins?“, wiederholt er seine Frage. Ich habe keine Cousins. Ich habe nur zwei Cousinen. Meine Verwandtschaft ist sehr überschaubar. „Ich habe keine Cousins“, sage ich. „Du kannst dir ja welche kaufen.“ „Ich glaube, so einfach geht das nicht.“ „Wenn du genug Geld dabei hast schon.“ Zu dem Jungen gesellt sich jetzt seine Mutter. Anscheinend hat sie draußen noch das Fahrrad angeschlossen. „Ich mag am liebsten Schokocousins“, sagt der Junge. Schokocousins? „Und mein Papa Buttercousins.“ Seine Mutter grinst und bei mir fällt der Groschen. Die Schlange rückt ein Stück vor. Ich bin an der Reihe, gebe meine Bestellung auf und ordere am Ende noch ein Schokocroissant. „Für den Herrn hinter mir“, sage ich. „Geht aber auf meine Rechnung.“ Ich sehe zur Mutter. „Ich hoffe, das ist in Ordnung. Auch wenn wir nicht miteinander verwandt sind.“ Sie lacht und nickt. „Und du liebst keine Cousins?“, fragt mich der Junge, als ich ihm das Croissant reiche. „Die muss man doch lieben.“ „Ich habe leider keine französische Verwandtschaft“, sage ich. „Aber ich liebe meine Frau und meine Töchter.“ Er sieht mich verständnislos an. Seine Mutter grinst schon wieder. Wir verabschieden uns und ich gehe mit meinen Backwaren aus dem Laden. Daniel Klaus

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