piwik no script img

berliner szenenDer große Roboter

Zwei Monate bin ich schon in Lübeck, wo ich eine Strahlentherapie wegen Krebs mache. Es werden 28 bis 35 Termine gewesen sein. Der eine radiologische Anbieter tauscht gerade seine Geräte aus und hat deshalb kaum noch Kapazitäten. Wegen des Austauschs müssen ganze Räume umgebaut werden. Deshalb muss der andere Anbieter seine Kapazitäten erhöhen, indem er zum Beispiel ab sieben Uhr morgens Termine anbietet.

Zehn nach sieben heißt um halb sieben aufstehen, keine Ahnung, wann ich zuletzt so früh aufgestanden bin. Anziehen, Zähne putzen, neues T-Shirt, damit ich nicht wieder nach Schweiß rieche wie das letzte Mal. Eine halbe Banane, einen Becher Kaffee mit Zigarette vor der Haustür. Es ist noch dunkel. Meine Schwester ist auch aufgestanden aus Sorge, ich könnte den Termin verpassen. Sie steht in der Küche vor dem Fenster und sagt Hallo. Hoffentlich hat sie nicht gesehen, dass ich rauche. Eine Viertelstunde Wegbis zu den Räumen gleich bei der Klinik.

Hinter dem Tresen ist noch niemand. Ich lege meine Hand in den Scanner, um meine Anwesenheit anzuzeigen. Ein paar Minuten später bittet mich der Monitor ins Wartezimmer in Kabine 2. Ich muss die Schuhe ausziehen, den Oberkörper frei machen und mich auf das rote Handtuch legen, das auf dem Tisch liegt. Die Liegelage wird leicht korrigiert, dann geht es los. Die Bestrahlungsmaschine ist wie ein großer Roboter, der einen in den Arm nimmt, ohne einen dabei zu berühren. Auf den Oberkörper, gleich vor dem einen Lungenflügel, wurde ein schwarzes Kreuz gemalt. Dort wird bestrahlt. Um mich herum kreisen an Gelenken befestigte lampenähnliche Sachen wie in der Astronomie: Sonnen, Planeten. Merken tut man nichts. Die Betriebsgeräusche sind unaufdringlich. Nach zehn Minuten ist der Spaß vorbei. Dann gehe ich nach Hause und schlafe noch ein wenig.

Detlef Kuhlbrodt

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen