berliner szenen: Früher konnte man ihn hören
Im Hausflur treffe ich die mäusegesichtige alte Dame aus dem dritten Stock. Das mit dem Mäusegesicht ist überhaupt nicht böse gemeint, Mäuse haben putzige Gesichter. Sie ist auch eher unauffällig, also passt es ganz gut, finde ich. Mit den übrigen Damen im Haus bin ich per Du, nur mit ihr nicht. Zusammenkünften der Hausgemeinschaft ist sie immer ferngeblieben, genau wie ihr Mann. Ich frage, wie es geht, und sie sagt, och, ganz gut. Ich frage, wie es ihrem Mann geht, der im Winter in ein Pflegeheim umgezogen ist, und sie sagt, der ist im Mai gestorben. Ich sage, das tut mir leid, und sie winkt ab und sagt, er konnte ja sowieso nicht mehr gehen, sehen und hören, und das Heim hat er auch nicht gemocht.
Ich denke kurz über das „sowieso“ nach und wie ihr Mann, der in der DDR glaube ich als Physiker gearbeitet hat, immer im Hof das Rohr des Badeofens gereinigt hat. Danach konnte man ihn hören, wie er im Keller Briketts und Holz zum Anheizen zerkleinerte. Mit den Jahren ist er immer seltener in den Keller gegangen und war kaum noch zu sehen. Es ist ihm schwergefallen, die Treppen zu steigen, und einmal bin ich zum Einkaufen gegangen und bin ihm am untersten Treppenabsatz begegnet, und als ich eine halbe Stunde später oder so zurückkam, war er immer noch nicht oben angekommen. Auf Hilfsangebote reagierte er ablehnend bis schroff. Er ist dann krummer und krummer geworden, bis sein Körper ein rechter Winkel war.
Ich frage, ob sie zurechtkommt, und sie sagt, noch ja, und dann gibt es ja auch die Tochter. Und die Renate?, frage ich. Die Renate wohnt gegenüber von ihr. Ihr Leben lang hat sie da gewohnt, erst mit der Mutter und der Schwester, nach dem Tod der Mutter nur noch mit der Schwester und nach deren Tod allein. Ach, die hat sie schon eine Weile nicht gesehen, sagt sie.
Sascha Josuweit
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