berliner szenen: Leben ist wichtiger als Lernen
Lass mich in Ruhe! Dieser Satz war einer der ersten, den ich meinen ukrainischen Schülern beigebracht hatte. Ihn hab ich mit ihnen, da wichtig, genau wie „Komm!“ und „Das mag ich!“, anfangs oft geübt und war dennoch nie richtig zufrieden mit dem Ergebnis. Seither ist ein knappes Jahr vergangen, inzwischen sprechen und lesen die beiden prima. Die Unterrichtsmaxime lautet noch immer: Leben ist wichtiger als Lernen. Manchmal spielen wir Fußball und schreien Kommandos dazu, manchmal machen wir Schildkröten aus Ton, Karamellbonbons im Mund. Klar lesen wir auch, und inzwischen erzählen mir die Jungs auch so manches aus ihrem Alltag. Gute Stunden.
Letzte Woche aber biss ich auf Granit: Der Kleine hatte erstmals keine Lust auf meinen Kurs. Er will in seinem Zimmer bleiben, sagte mir sein Bruder. Warum?, fragte ich. Schulterzucken. Durch die Tür fragte ich den Kleinen, was los sei. Ich will nicht, sagte er. Ich konnte es nicht glauben. Er, der sich immer so auf die Stunden gefreut hatte. Die Mutter war gerade losgegangen zum Einkaufen, sie konnte also nicht vermitteln. Noch einmal hakte ich nach. Ich will nicht, rief er. Ist er müde?, fragte ich seinen Bruder. Doch dies hätte mir die Mutter gesagt. Nein, antwortete er, und, etwas zögerlich: Er spielt jetzt mit dem Handy. Aha … Dann unterrichte ich ihn eben ein wenig durch die Tür, dachte ich. Aber auch da biss ich auf Granit. Der Kleine stieg auf sein Bett und verkroch sich unter der Bettdecke, sah ich durch die Glaskassetten. Hüllte sich in Schweigen. Ziemlich ratlos stand ich vor der Tür.
Bevor ich mich abwandte, bekam ich aber doch noch einen Satz zu hören. Lass mich in Ruhe – ultraüberzeugend rausgehauen und mich wieder schmunzeln machend.
Na gut, rief ich durch die Tür. Und gab dem Bruder eine Einzelstunde.
Felix Primus
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