berliner szenen: Du siehst fantastisch darin aus
Ich brauche Farbe. Meine dunklen Klamotten wirken plötzlich wie ein Dauer-Lockdown. Das Geschäft ist fast leer, ich kann in aller Ruhe die Kleiderständer inspizieren. Richtig ungewohnt. Schließlich nehme ich drei Teile mit in die Anprobe.
Einige Kabinen weiter unterhält sich ein Paar über seine Auswahl. Der Mann ermutigt die Frau, ein ungewohntes Stück anzuprobieren. Sie zweifelt, Gelb habe ihr noch nie gestanden, nur ihm zuliebe werde sie es versuchen. Während meine erste Wahl schon mal nicht inFrage kommt – zu grell –, zieht sie den Kabinenvorhang auf und führt vor, wozu der Mann ihr geraten hat. Er ist begeistert. „Du siehst fantastisch darin aus.“ Sie bleibt skeptisch. Er überschüttet sie jetzt mit Komplimenten, sie leuchte geradezu in dem Kleid, es bringe ihre schönsten Seiten zur Geltung.
Der Dialog ist filmreif. Vielleicht wollen die beiden zur Berlinale. Eine Designer-Robe für den roten Teppich würde sie sicher woanders suchen, aber wenn sie so glänzt, wie der Mann nicht müde wird zu beteuern, wirkt ein schlichtes Kleid sowieso am besten.
Unterdessen habe ich gefunden, was mir gefällt, trotzdem ziehe ich meine Anprobe in die Länge. Die Frau führt ein zweites Teil vor, und wieder ist der Mann schwer angetan. Er plädiert ausdauernd dafür, beides zu kaufen. „Wenn wir schon mal hier sind – wer weiß, wann wir das wieder schaffen.“ An Zeit scheint es ihnen eher zu mangeln als an Geld.
Beim Rausgehen sehe ich die beiden: so verliebt, wie ich erwartet habe, aber bestimmt doppelt so alt. Die Frau dürfte Mitte 60 sein, eine Politikerin, ich hab sie schon oft im Fernsehen gesehen. Aber wie heißt sie? Wofür steht sie? Bundestag? Bezirk? Was für eine Qual, dass ich einfach nicht darauf komme. Ich hänge zurück, was ich ausgesucht habe. Es war sowieso wieder nur dunkelblau. Claudia Ingenhoven
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