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berliner szenenDas Paar als besseres Schauspiel

Premiere in der Volksbühne. Aufgekratzte Stimmung auf dem Vorplatz. Viele begrüßen sich mit Umarmung und stellen Freunde vor. Ihr Durchschnittsalter schätze ich auf Mitte 20, so wie auch das Ensemble, dem wir gleich begegnen werden. Im Publikum fällt mir ein Paar auf. Beide mindestens doppelt so alt wie die Umsitzenden, beide einander liebevoll zugewandt. Immer wieder schmiegt sich die Frau an den Mann, immer wieder legt er ihr den Arm um die Schulter. Ein schöner Anblick. Nur leider reicht ihnen der Körperkontakt nicht, sie müssen sich auch dauernd mit Worten austauschen. Vielleicht übersetzen sie sich gegenseitig, was akustisch nicht über die Rampe kommt. Die Textverständlichkeit scheint hier keine große Rolle zu spielen.

Als der Mann aufsteht und rausgeht, wirkt es, als habe er genug. Falsch. Nach fünf Minuten kommt er zurück, beschwingt. Die Frau bringt ihn schnell auf den aktuellen Stand, dann verlässt auch sie kurz den Zuschauerraum – damit anschließend er äußern kann, dass sie nichts Entscheidendes verpasst habe. Sie rücken wieder eng zusammen, lösen sich nur, wenn die Frau mit zustimmender Geste auf ein Bühnendetail aufmerksam macht oder auf eine veränderte Videoperspektive an der Seitenwand. Mich ärgert, dass die beiden mich so vom Bühnengeschehen ablenken, aber vielleicht ist es auch umgekehrt: weil mich die Inszenierung nicht anspricht, achte ich überhaupt auf das Paar.

Plötzlich Licht aus, das Ende kommt überraschend schnell. Der Applaus ist laut und lang anhaltend, gut gelaunte Pfiffe und mittendrin das Paar, heftig klatschend und begeistert winkend. Ihr Jubel berührt einen Schmerzpunkt der jungen Schauspielkollegin, die in der Nähe sitzt. Sie dreht sich zu ihrem Begleiter: „Meine Eltern würden das niemals bringen.“

Claudia Ingenhoven

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