berliner szenen: Die Strümpfe der Gaslaterne
Der Monteur hat richtig Spaß bei der Arbeit – sagt sein Gesichtsausdruck. Er steht in einem ausfahrbaren Metallkorb über seinem Lkw, um die Gaslaterne zu warten. Ihr Zylinder ist nur leicht verriegelt, sodass er gut ans Innere und an den Schmutz kommt, der sich angesammelt hat. Es sieht aus wie Staub, was von den verbrauchten Leuchtkörpern übrig geblieben ist. In einer Papp-Palette stecken die neuen wie kleine weiße Schaumküsse. Er setzt sie vorsichtig, aber routiniert ein. Jetzt noch eine neue Batterie. Per Fernbedienung senkt er den Metallkorb ab, um an den unteren Teil der Laterne zu reichen. In die Kuppel sprüht er Glasreiniger, putzt mit einem großen Lappen, poliert mit einem kleinen.
Unten steht eine Frau, die ihren Jungen in die Kita bringen möchte – keine Chance. Er ist so fasziniert, mehr von dem Fahrzeug als von der Wartung, dass er nicht zum Weitergehen zu bewegen ist. Schon gar nicht, als der Monteur Gas einströmen lässt und aus der Laterne Rauch entweicht. Das muss so sein, erklärt er bereitwillig, die empfindlichen Leuchtkörper, die Glühstrümpfe, sind für den Transport beschichtet, dieser Schutz muss erst mal kurz verbrennen.
Seit vielen Jahren wartet er schon Gaslaternen, mit ungebremster Begeisterung. „Die Dinger sind über hundert Jahre alt und funktionieren 1A. Die muss man doch pflegen!“ Ein Exemplar hat er sogar umgebaut und zu Hause an die Wohnzimmerdecke gehängt. Jetzt schabt er mit dem Cutter noch einen Aufkleber vom Mast und klebt einen neuen auf. Die Laterne war falsch nummeriert, so könne er sie nicht auf Anhieb finden, wenn ein Defekt gemeldet würde. Der kleine Junge drängelt zur nächsten Laterne, er will den Rauch nochmal sehen. Aber Rauch will der Monteur jetzt erst mal nur für sich haben: Zigarettenpause.
Claudia Ingenhoven
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