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berliner szenenDer nackte Mann am Fenster

Da ist er wieder“, sagt meine Tochter, als sie am frühen Nachmittag ungefragt ins Zimmer kommt, in dem ich eigentlich an meinem Roman arbeiten will. Eine Marotte von mir. Andere Väter füllen Lottoscheine aus oder reinigen ihr Angelzeug, um ab und zu mit sich allein sein zu können, ich schreibe einen Roman. Ich blicke zum Fenster hinaus und sehe ihn auch. Seit Jahren schon ist der nackte Mann ein Thema in der Familie. Oben ohne steht er am offenen Fenster des dritten Stocks gegenüber und schaut in den Hof. Meistens achte ich gar nicht mehr auf ihn. In seinem leeren Blick spiegelt sich die Tristesse des gemeinsamen Neuköllner Hinterhofs. Nicht ein Lüftchen regt sich. Es ist fürchterlich heiß. Ich schwitze. Mit einem Mal beugt sich der nackte Mann weiter nach vorn und scheint etwas zu beobachten. Ich versuche auszumachen, was er beobachtet. Aber alles im Hof erscheint mir banal wie immer. Dann höre ich den nackten Mann aufgeregt vor sich hin brabbeln. Als hätte ihn das Gesichtete aus der Fassung gebracht. Er wird lauter, dann wieder leiser, schrille Töne vermischen sich mit dumpfen Lauten. Das Gebrabbel hatte ich fast vergessen, es klingt wie die Tonaufnahme eines Gedankenaustauschs im Schnelldurchlauf. Ich frage mich, mit wem er seine Gedanken austauscht. Im Hof ist niemand zu entdecken. Nicht einmal eine der Ratten lässt sich blicken. Wahrscheinlich ist es denen auch zu heiß, um über den Hof zu huschen. Bestimmt liegen die im kühlen Keller und faulenzen. Die machen es richtig. Das Gebrabbel hört nicht auf, wird sogar noch erregter. Spricht er etwa mit mir? Hat er nicht eben zu mir herüber geschaut? Vielleicht ist er einsam, vielleicht hat ihm schon lange niemand mehr zugehört, vielleicht …, denke ich, als meine Tochter mich unterbricht: „PAPA! Mit wem redest du da?“Henning Brüns

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