berliner szenen: Im Neuköllner Babylon
In der Hasenheide ist es gegen Mittag wunderbar. Das dichte Laubwerk der Bäume wirft genügend Schatten, um sich auch während einer Hitzewelle entspannen zu können. Ich liege in meiner Hängematte und lese, als ein hagerer Mann an mich herantritt. Auf seinem krausen, schwarzen Haarschopf prangt eine Basecap mit der Aufschrift „Ich bin knorke!“. Ich weiß trotzdem nicht, was ich von seiner Annäherung halten soll. Zum Glück lächelt er sonnig. Dann beginnt er zu sprechen. Ich lächele zurück und höre ihm zu. Leider verstehe ich kein Wort. Ich erkenne nicht einmal die Sprache, die er spricht. Nach über zwanzig Jahren in Neukölln bin ich immerhin in der Lage, die türkische von der arabischen Sprache und beide von Farsi zu unterscheiden. Der Mann mit der Basecap quasselt unterdessen immer weiter auf mich ein. Vielleicht will er Geld, denke ich. Vielleicht ist er in Not. Vielleicht ist er unglücklich in Berlin und möchte nach Hause zurück, weil er seine Familie vermisst, seine Frau und seine drei Kinder. Das alles vermute ich nur, weil er mir ein Foto seiner Familie zeigt. Zumindest glaube ich, dass es sich um seine Familie handelt.
Erleichtert sehe ich, wie sich meine Freundin nähert. Sie spricht auch keine siebenhundert Sprachen, ist aber auf ihre Weise in der Lage, alle möglichen Sprachen zu verstehen, ein Talent, das uns auf Reisen schon oft aus der Patsche geholfen hat. Der Mann sieht sie auch und lächelt begeistert. Er scheint sie zu kennen und rudert zur Begrüßung mit den Armen.
Später erfahre ich, dass er einen ihrer Integrationskurse an der VHS besucht und ohne Familie aus Somalia flüchten musste. Von mir hatte er nur wissen wollen, wie er zum Hermannplatz kommt. Warum ich Blödmann das nicht kapiert hätte, fragt sie mit süffisantem Lächeln, als sie neben mir in der Hängematte liegt.Henning Brüns
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