berliner szenen: Matjessalat in Küstenferne
Tags zuvor war der heißeste Tag des Jahres gewesen; wir hatten über Matjes gesprochen, und ich hatte erklärt, was es mit diesem Fisch auf sich hat und dass man guten Matjessalat eigentlich nur in Küstennähe kriegen kann. Und dann war mir eingefallen, dass es bei Karstadt und auf dem Markt am Wittenbergplatz auch guten gibt.
Es ist jedenfalls Samstag, die Hitze kann nicht mehr und weicht zurück. Ich gucke im Internet nach einem Rezept mit Matjes und bin im Edeka froh, klare Ansagen im Kopf zu haben: Kartoffeln, Bohnen, Speck und Zwiebeln.
Die Zubereitung ist angenehm einfach, juchhu, ich kann noch kochen. Beim Essen bin ich nicht restlos begeistert, aber zufrieden, dass das mit dem Essen schon erledigt ist, bevor ich zu M. gehe. Er hatte mich beauftragt, ihm eine Junge Welt und eine August-Konkret mitzubringen, ich mache Halt am Kiosk Prinzenstraße. Hier gibt es alles „für Lunge, Leber und Geist“. Ich freue mich, dass noch eine Junge Welt da ist, und bedaure, dass es die August-Konkret nicht mehr gibt.
Es irritiert mich ein bisschen, dass M. Besuch hat, weil wir uns sonst nur zu zweit sehen. Ich bin nicht mehr gewohnt, mich mit mehreren gleichzeitig zu unterhalten, auch wenn ich mich gleichzeitig freue, meine Ex-Redakteurin zu sehen. Wir rauchen, reden, trinken Tee, die Fenster und Türen sind offen. Irgendwann klingelt es. Kurz danach steht eine resolute Pflegerin im Zimmer und schimpft, weil wir weder Masken noch Schutzanzüge tragen. Wir schämen und entschuldigen uns. Dass M. seit dem letzten Krankenhausaufenthalt „am ganzen Körper“ Krankenhauskeime hat, wussten wir aber nicht. Kleinlaut legen wir Masken an, während die Pflegerin die Werte unseres Freundes kontrolliert. Im Flur ist noch ein Schutzanzug, aber meine Ex-Redakteurin muss sowieso gehen. Ich dann auch.
Detlef Kuhlbrodt
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