berliner szenen: Beinahe nichts geändert
Vor dem McDonald’s am Bahnhof Gesundbrunnen lag jugendliche Energie in der Luft. Die jungen Männer, einige von ihnen gestern noch Kinder, traten von einem Bein aufs andere, tänzelten umeinander, legten sich gegenseitig den Arm um die Schultern oder versetzten einander leichte Schläge mit den Ellenbogen – harmlose Bodychecks, aus denen, wenn es sein musste, jederzeit Ernst werden konnte. Früher hatte man sich ganz ungeniert in die Weichteile geboxt.
Ein Teil der Aufmerksamkeit zogen die kleinen Screens in ihren Händen ab, die über eine Schnittstelle akustische Signale in die Gehirne sandten, doch das direkte Miteinander, die Blicke, das Anfassen und Ansprechen, war weiterhin signifikant, so wie natürlich die Uniformen der großen Sportartikelhersteller, die es nahezu unverändert ins 21. Jahrhundert geschafft hatten, hierher an den südlichen Rand der glazialen Rinne, durch die ein Fließgewässertyp 19 floss, ein sogenanntes Kleines Niederungsfließgewässer, das auf dem Barnim bei Bernau entsprang und einige Kilometer weiter südlich von hier am Schiffbauerdamm in die Spree mündete, die Panke.
Ein älterer Teenager mit „Hugo“-Schultertasche und stechend blauen Augen unter der schneeweißen Schiebermütze nahm einen der Jüngeren beiseite, redete auf ihn ein, rief einen anderen herbei, der sich daraufhin katzengleich näherte, den Blick gesenkt, aber achtsam, als erwartete er nichts Gutes, und vermittelte dann zwischen den beiden Streithähnen, sie immer wieder zur Ruhe ermahnend und die anderen Brüder mit ausgestrecktem Arm auf Abstand haltend, die sich nicht abschütteln lassen wollten, erkennbar noch seine Rolle suchend, doch schon mit beträchtlicher Sicherheit. Es hatte sich beinahe nichts geändert.
Sascha Josuweit
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen