berliner szenen: Rezepte tauschen geht auch
Gestern. Ein großes Berliner Krankenhaus, Rettungsstelle, Samstagmorgen. Ich bin Ärztin. Das ist so etwas Ähnliches wie Arzt. Mein erster Patient ist so alt wie ich und hat Bauchschmerzen.
Er kommt aus der Türkei. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch. Seine Mutter scheint sehr gut zu kochen, er gerät geradezu ins Schwärmen, als ich ihn frage, ob er auf seine Ernährung achte. Natürlich, sagt er, Essen sei seine Leidenschaft, und seine Mutter sorge dafür, dass er jeden Tag fünf warme Mahlzeiten zu sich nehme. „Fünf warme Mahlzeiten?“, frage ich. Na ja, zwei davon seien Nachtisch: Baklava und Ekmek tatlısı. „Ekmek tatlısı? Was ist denn da drin?“ „Ein Glas Zucker, drei Eier, und viel Liebe.“ „Ein großes Glas Zucker?“ „Eine halbe Maß.“ Er lacht. „Also achten Sie doch nicht so auf Ihre Ernährung?“ „Natürlich, ich achte auf die regelmäßige Einnahme von Baklava und Ekmek tatlısı.“ Auch ich muss ein bisschen lachen. „Wissen Sie“, sagt er, „ich weiß schon, dass ich mit den Fetten aufpassen muss, aber sehen Sie mich an? Sehe ich krank aus?“ „Na ja“, sage ich, „immerhin krank genug für die Rettungsstelle.“
Er nickt zerknirscht. „Nächstes Mal gehe ich zum Hausarzt, versprochen.“ „Na gut, dann gebe ich Ihnen jetzt einfach ein Rezept gegen Baklava und Ekmek tatlısı.“ Er grinst und schreibt etwas auf einen Zettel. „Hier haben Sie im Gegenzug das Rezept von Baklava und Ekmek tatlısı.“ Auch ich muss wieder lachen. „Wissen Sie“, er blickt mich an, „wenn Sie lachen, haben Sie so ein Leuchten in den Augen.“ „Danke“, sage ich und unterschreibe sein Rezept. „Auf Wiedersehen.“ „Schönen Gruß an Ihre Mutter!“ „Also wirklich, dieses Leuchten“, sagt er und verlässt den Raum. Ich blicke auf das Rezept: 0177 Gramm Zucker 893 Eier und 7562 Vanillin, lese ich und fühle, wie meine Augen leuchten.
Eva Mirasol
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