piwik no script img

berliner szenenWissen Sie, wo Sie gerade sind?

Gestern. Ein großes Berliner Krankenhaus. Rettungsstelle. Es ist Wochenende. Als diensthabende Ärztin sehe in einer Nacht mehr Menschen nackt als viele in ihrem ganzen Leben. Nicht alle ziehen sich freiwillig aus. Die letzte Patientin wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Krankenhausnachthemd.

„Auch Viktor hat sich immer nur bescheißen lassen“, murmelt sie wütend. „Wer ist Viktor?“, frage ich. „Mein verstorbener Mann. Er hat sich immer nur bescheißen lassen.“ – „Wir wollen ihnen lediglich das Hemd anziehen.“ – „Viktor haben sie das letzte Hemd ausgezogen“, schimpft die Dame, und ich stelle mir vor, wie der arme Viktor irgendwann nicht umhin kam, seiner Ehefrau zu erklären, dass er sich wieder einmal hatte bescheißen lassen. Die alte Dame hingegen sieht so aus, als sei ihr das heute zum ersten Mal passiert. „Können Sie mir sagen, wo Sie sind?“, frage ich. Ich muss diese Frage stellen, und oft sind diejenigen, die sich am meisten darüber echauffieren, diejenigen, bei denen sich das Fragen am meisten lohnt. So auch heute. „Was fällt Ihnen ein, mir diese Frage zu stellen?“, schimpft sie, „glauben Sie etwa, ich bin dement?“

„Ist nur eine Routinefrage“, lüge ich, doch die alte Dame ist gewitzt: „Ich bin, wo ich auf keinen Fall sein will“, sagt sie triumphierend, und zum ersten Mal an diesem Abend sind wir uns einig. Leider nur habe ich keine Zeit für Spielchen, und so stelle ich die ultimative Fangfrage: „Wissen Sie, wer Bundeskanzler ist?“ Mit Betonung auf dem ler. Für die Transferleistung. Die meisten sagen Willy Brandt, einige wenige vermuten Helmut Kohl, doch kurioserweise gewinnt meistens Bismarck das Rennen. Wenn ich denen dann sage, dass wir doch jetzt eine Bundeskanzlerin haben, finden sie es aber auch irgendwie in Ordnung. Nur Gerhard Schröder hat noch niemand vorgeschlagen. Eva Mirasol

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 330 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen