berliner szenen: Schnee aus Smog im Mund
Es ist kalt. Schnee schmilzt neben Kaugummis auf dem Asphalt vor dem U-Bahnhof Leinestraße in Neukölln. In der Ferne bellt ein Hund. Autos rasen vorbei. Ich laufe die Treppenstufen hinauf, zur Ampel und warte darauf, dass sie grün wird. Die Schneeflocken fallen mir dabei auf den Kopf. Ich will Freunde besuchen.
Während ich an der Ampel stehe, schaue ich in den Himmel, in die Schwärze der Nacht, die hier dunkler wirkt als auf dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin. Obgleich hier so viele Ampeln brennen, so viele Autos fahren mit Licht. Ich schaue nach oben und beobachte die vereinzelten Schneeflocken, die durch die Dunkelheit fallen. Spüre das Verlangen, die Flocken aufzufangen wie damals als Kind, Zunge raus, Augen zu. Mache „ah“. Und schließe den Mund kurz darauf wieder. Schüttele den Kopf. Bäh, denke ich, Stadtschnee.
Dabei müsste der fallende Schnee doch sauber sein, nicht so wie der, der liegt, sich grau färbt oder braun. Ob der Schnee auf dem Weg in Richtung Asphalt schon Dreck aufnimmt? Immerhin ist es Schnee aus Smog. Smogschnee. Vor lauter Schnee verpasse ich die Ampelphase und warte nun noch etwas länger.
„Brr“, macht ein Junge auf der anderen Seite der Straße, als ich sie erreiche. Er bläst seinen Atem in die Nacht. Der zeichnet sich ab in der Dunkelheit. Ob der Junge wohl auch Flocken auffängt mit der Zunge? Bestimmt. Er ist ja ein Kind, überlege ich. Und Kind ist Kind, wo ist egal.
Wer weiß schon, wie viel Schnee es in den nächsten Wintern noch geben wird, denke ich daraufhin entschieden. Öffne den Mund wieder und freue mich, als ich noch ein paar Flocken auffange. „Wieso hast du denn so lange gebraucht?“, fragt meine Freundin, als sie mir schließlich die Tür aufmacht und ich endlich ins Warme komme. Tja, der Schnee. Lea Diehl
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