berliner szenen: Es war nicht der Liebes-kummer
Gestern. Ein großes Berliner Krankenhaus, Rettungsstelle, sechs Uhr morgens. Ich bin Ärztin. Das ist so etwas Ähnliches wie Arzt.
Es ist mein vierter Nachtdienst in Folge. Der Pfleger tippt mir auf die Schulter: „Kannst du dir mal dieses EKG ansehen? Junger Mann, 19 Jahre alt, hat seine Beschwerden gegoogelt und sagt, er hätte einen Herzinfarkt.“
Ich seufze. Hoffentlich kommt gleich der Frühdienst. Ich war die ganze Nacht wach, und der junge Mann ist nicht der Erste, der denkt, er hätte einen Herzinfarkt. „Beschwerden gegoogelt, was?“, sage ich wieder seufzend. „Na ja, Generation Internet halt. Andererseits, ein bisschen seltsam sieht es schon aus, oder?“ Ich nehme dem Pfleger das EKG aus der Hand und zucke zurück. „Wo ist der Patient?“ – „Im Warteraum“. Ich springe auf: „Er hat wirklich einen Herzinfarkt. Er muss an den Monitor!“
Während der Pfleger den Patienten verkabelt, lege ich ihm einen Zugang. „Seit wann haben Sie denn die Schmerzen?“ Der junge Mann ist blass. „Bin heute Morgen damit aufgewacht“, sagt er mit gepresster Stimme, „meine Freundin hat gestern Schluss gemacht. Dachte erst, ich hätte Liebeskummer. Aber wenn man Herzschmerzen googelt, empfehlen sie einem die Rettungsstelle. Ich hoffe, ich war nicht übervorsichtig.“
„Um Gottes willen, nein, es sieht tatsächlich so aus, als hätten Sie einen Herzinfarkt. Ich gebe Ihnen jetzt was gegen die Schmerzen.“ „Cannabis?“, fragt er hoffnungsvoll. „Besser“, sage ich und ziehe Morphium auf. Dann rufe ich im Herzkatheter an. „Junger Mann, 19 Jahre, Herzinfarkt.“ – „Liebeskummer?“ spöttelt der Oberarzt am anderen Ende der Leitung. „So ähnlich“, sage ich.
Der junge Mann lächelt schwach. Er sieht ein wenig rosiger aus. Und dann kommt der Frühdienst. Eva Mirasol
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen