berliner szenen: Total bekiffter Vater
Gestern. Ein großes Berliner Krankenhaus. Freitagabend in der Rettungsstelle. Ich bin Ärztin. Das ist so etwas Ähnliches wie Arzt. Ich habe Spätdienst. Mein erster Patient wird von seiner Frau und seiner Tochter begleitet. Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Aus dem Nichts heraus. Der Mann sieht blass aus. „Vorerkrankungen? Medikamente? Alkohol? Drogen?“ Der Mann schüttelt den Kopf. Er schwankt ein wenig. „Wie geht es Ihnen jetzt?“, frage ich. „Mir ist immer noch schwindelig. Und ich habe Hunger.“ – „Wann haben Sie denn zuletzt gegessen?“ – „Vor ein paar Stunden.“ – „Und was?“ „Brotzeit, dasselbe wie meine Frau und meine Tochter.“ Ich nicke.
„Ich werde Sie jetzt untersuchen“, sage ich und horche auf Herz, Lunge und Bauch. Da ist alles in Ordnung. Das Einzige, was auffällt, sind seine knallroten Augen. Und die Tatsache, dass er kichert, als ich ihm Blutdruck messe. Ich würde ja sagen, der Mann ist bekifft. „Sind Sie sicher, dass Sie nach dem Abendessen nicht noch etwas anderes zu sich genommen haben?“– „Wie meinen Sie das?“ – „Vielleicht einen Joint geraucht?“ – „Also ich bitte Sie!“ „Entschuldigen Sie“, sage ich, „aber Sie sehen irgendwie high aus. Sind Sie nach dem Abendessen noch über ein paar Haschkekse gestolpert?“
Eigentlich wollte ich nur witzig sein, aber der Mann hält inne. „Jetzt, wo Sie fragen: Da lag so ein Brownie auf dem Wohnzimmertisch …“ – „Ein Brownie. Aha. Industriell verpackt?“ – „Nein, in Alufolie.“ – „Das muss von unserem Sohn sein“, mischt sich jetzt die Frau ein, „der hat neulich mit Freunden Kekse gebacken.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Sind Sie mit einem Drogentest einverstanden?“ Eine Stunde später: THC dreifach positiv im Urin. Ich fühle mich wie Dr. House. Und habe Mitleid mit dem Sohn, denn der ruft gerade an: „Papa, ist alles in Ordnung?“
Eva Mirasol
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