: Zwischen Marzipan-Torte und Gedenkkränzchen
■ Berlin ohne Mauer: Fünf Jahre nach dem Mauerfall jagte ein Termin den andern
„Hat noch nie jemand gesehen, wie ein Stück Torte angeschnitten wird?“ rief ein Mann auf der Geburtstagsfeier im Roten Rathaus. Anscheinend nicht. Als Eberhard Diepgen die Schoko-Marzipan- Torte mit Berliner Bär und Deutschlandfähnchen für die Fünfjährigen anschnitt, die am Tag des Mauerfalls geboren worden sind, schwenkten die Fernsehkameras von den spielenden Kindern zum großen Kuchenmesser. Mit einem glatten Schnitt stahl Diepgen den eigentlichen Stars die Show. Keiner interessierte sich mehr für die sechzig Kinder mit dem historischen Geburtsdatum. Diepgen war das dann auch gar nicht recht, und so erzählte er den Fünfjährigen seine kindgerechte Kurzversion der Mauergeschichte. In der richtigen Annahme, daß sich die Kleinen ihres geschichtsträchtigen Geburtsdatums nicht bewußt sind, beschrieb der christdemokratische Märchenonkel mit einfachen Worten, wie es damals war: Eine „unsinnige“ Mauer, „so ein Quatsch“, habe damals verhindert, daß Enkelkinder ihre Omas nur selten sehen konnten. „An eurem Geburtstag hat das alles aufgehört“, rief er den spielenden Kindern noch zu, bevor er zum nächsten Gedenktermin eilte und eine 9. November- Skulptur entgegennahm.
Während Eva de Maizière ihm das Werk „Wir sind ein Volk“ in die Hand drückte, war ihr Mann Lothar, letzter Ministerpräsident der DDR, auf einem Diskussionsforum der Deutschen Gesellschaft im Preußischen Landtag. Einstige DDR-Bürgerrechtler, Politiker und Publizisten dachten laut nach unter dem Motto „Mauerfall – fünf Jahre danach“. Da war Diepgen zwar nicht dabei, aber er hatte seinen herrschaftlichen Schirm für die Veranstaltung bereitgestellt.
Diepgens gestriger Tag stand ganz im Zeichen des Gedenkens und Feierns. Am frühen Morgen gratulierte er seiner Tochter Anne zu ihrer Volljährigkeit, dann legte er zusammen mit der Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien am Reichstagsgebäude Kränze zum Gedenken an die Maueropfer nieder. Von da aus ging's im Sauseschritt zur Oberbaumbrücke, die er zusammen mit Bausenator Wolfgang Nagel eröffnete. Aber nicht nur der Regierende Bürgermeister war gestern in Sachen Maueröffnung unterwegs. Der SPD-Partei- und Fraktionschef Rudolf Scharping und Berlins Bürgermeisterin Christine Bergmann spazierten durchs Brandenburger Tor, und Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer eröffnete den ersten Bauabschnitt des Mauerparks im Prenzlauer Berg. Der Preis für die wohl originellste Gedenkidee gebührt den Bezirksbürgermeistern von Wedding und Prenzlauer Berg, die zu einer Lichterkette an der Bornholmer Brücke aufgerufen hatten. Barbara Bollwahn
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