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Zwischen Gratis­wurst, dem linken Pfarrer und Rechtsextremen

In Sachsen-Anhalts brisantestem Wahlkreis geht es vielschichtig zu: ein Streifzug durch ein Burggewölbe, über einen Campingplatz und ein AfD-Familienfest

Von Michael Bartsch

Wären die etwa hundert Gäste des Wahlforums der Mitteldeutschen Zeitung in Querfurt repräsentativ für das Wahlverhalten, hätte der für die Linken antretende Pfarrer Andreas Tschurn den wohl brisantesten Wahlkreis Sachsen-Anhalts schon gewonnen. Der laut AfD-Parteifreunden „größte Rechtsintellektuelle des Landes“ und Programmschreiber, Hans-Thomas Tillschneider, landete bei einem einstelligen Ergebnis. Nur die letzte Reihe im halboffenen Gewölbe der malerischen Südbastion der Burg Querfurt applaudierte ihm regelmäßig. Zu offenen Diskussionen scheint die AfD-Anhängerschaft weniger bereit als zu Protesten oder dem Kreuz auf dem Stimmzettel.

Der Wahlkreis 32 Querfurt, zwischen Halle im Osten, der Naumburger Weingegend im Süden und den früheren Kalibergbaugebieten im Westen, ist mit rund 46.000 Wahlberechtigten nicht nur zahlenmäßig einer der größten in Sachsen-Anhalt. Der Kampf um das Direktmandat, den die AfD überall schon gewonnen glaubt, verspricht hier einige Brisanz. 2021 gewann hier die Lehrerin Eva Feußner für die CDU, avancierte im selben Jahr zur Bildungsministerin im Kabinett Haseloff, wurde aber 2025 wegen Kritik an ihrer Amtsführung, auch aus den eigenen Reihen, entlassen. Neben ihren Konkurrenten Tillschneider und Tschurn zeigen auch die Juristin Eva Hoyer (FDP) und Susanne Otto für die Bündnisgrünen in der Diskussion ein beachtliches Profil.

Nur Insider wissen, was auch zum Profil des Wahlkreises gehört: Auf dem Weg in die Stadt Querfurt kommt man durch das verschlafene Dörfchen mit dem irreführenden Namen Schnellroda. Gut versteckt im alten Rittergut sitzt hier mit dem Antaios-Verlag von Götz Kubitschek die zentrale Denkfabrik der Neuen Rechten in der Bundesrepublik. Vielleicht wirbt deshalb das Dorf am Ortseingang mit der Tafel „Noch freie Kindergartenplätze!“.

Das Wahlkreisforum im Querfurter Burggewölbe wiederum überrascht mit einem Ablauf jenseits der erwartbaren Stereotype. Es bedarf einiger Fantasie, sich den 41-jährigen Andreas Tschurn, gekommen in Bikerjacke, als Pfarrer auf der Kanzel seiner Friedenskirche im 30 Kilometer entfernten Leuna vorzustellen. Die Rückenaufschrift „Linke Sachsen-Anhalt“ identifiziert ihn aber eindeutig. Schon eine halbe Stunde vor Beginn darf er eine Menge Hände schütteln und Leute umarmen.

Die Regie hat den Linken und Hans-Thomas Tillschneider an demselben Stehtisch mit einem Mikrofon platziert. Zum Rechtsextremen Tillschneider will überhaupt nicht passen, dass er Linkshänder ist und mit einem roten Kugelschreiber Stichworte notiert. Erwarten konnte man hingegen, dass er die Energiewende für ein „planwirtschaftliches Projekt, das den Strompreis in die Höhe getrieben hat“ halte, und dass für ihn der ÖPNV nur „Grundversorgung“ leisten könne, wo doch das Auto Normalität bedeute. Das alles kontrolliert, beinahe emotionslos in kaltem Fanatismus vorgetragen.

Kaum erwarten konnte man jedoch den langen Beifall für das Plädoyer der Grünen Susanne Otto, die Integration von Flüchtlingskindern beizubehalten. Noch weniger die heftige Kontroverse zwischen Tillschneider und Eva Feußner, die eher dem rechten Flügel der Union zugerechnet wird, als es um die Landesfinanzen geht. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle IWH hatte erst kürzlich errechnet, dass die Pläne der AfD den Haushalt mit 2,2 Milliarden Euro im Jahr zusätzlich belasten würden. Feußner konterte die abenteuerlichen Einnahmerechnungen Tillschneiders und erhielt dafür so intensive Zustimmung, dass dessen Gegenrede im Lärm unterging. Was ihn danach nicht hinderte, angeblich schon lange auf den Wahlsieg der AfD wartende Unternehmer ­heraufzubeschwören: „Es wird hier eine Dynamik in Gang kommen, von der sie nur träumen können!“

Auf dem keine 10 Kilometer entfernten Campingplatz Hermannseck, unweit des Fundortes der Himmelsscheibe von Nebra gelegen, kann man dem Wahlvolk aufs Maul schauen, das solchen diskursiven Veranstaltungen fernbleibt. „Das kann nicht so weitergehen – immer weniger Netto vom Brutto!“, schimpft Rico, eigentlich kein harter Rechter und eigentlich kein Armer, denn er ist mit dem Wohnwagen hier Dauercamper. Für das Bier reiche es immer noch. In der von einigen Schlucken unterbrochenen Plauderei steigt wie eine Fontäne plötzlich der Frust auf. „Was die 1990 mit uns gemacht haben!“ Als habeer damals als junger Mann nicht auch das Ende der DDR gewollt. „Kapitalismus ist scheiße“, lautet sein Fazit. An der bürgerfeindlichen und antisozialen Politik der Merz-Regierung sehe man das ja.

So ähnlich kann man es auch beim AfD-Familienfest auf dem Festplatz aufschnappen, ein Unkrautacker am Stadtrand. „Wenn wir der AfD keine Chance geben, sind wir verloren“, sagt in sorgenvollem Ton eine Dame mittleren Alters ins Telefon, auf einem Motorroller mit Deutschlandfahne sitzend. „Das Land retten“, verspricht die AfD auf einem Plakat. Sie beginnt in Querfurt schon mit der Umsetzung ihres Versprechens, indem sie 1.400 Bratwürste gratis an die unterernährten 500 Besucher verteilt. Und weil der Ossi sich reflexartig anstellt, passiert auf dem Bürgerfest außer Schlangestehen zwei Stunden lang gar nichts. Einsam dudelt der Lautsprecherwagen erst „Heidi“ und verirrt sich dann zu „YMCA“.

Wetten, die Demokratie gewinnt?

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Wer satt ist, kann am Berliner Stand der „Christen in der AfD“ lernen, warum Fromme angeblich die AfD wählen. Neben Bibeln im Bundeswehr-Tarnlook liegt ein Flyer des Evangelikalen Thomas Schneider aus Aue im Erzgebirge, der die AfD-Agenda herunterbetet und vor einer Abschaffung der Glaubensfreiheit warnt. Der Standbetreuer weiß zwar nicht, was bei Matthäus 25 steht, aber Jesu Satz „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan“, hat er schon einmal gehört.

Auch andere sächsische AfD-Parteifreunde halten den Wahlkreis Querfurt für so wichtig, dass der Kreisverband Zwickau gleich mehrere Zeltstände aufgebaut hat. Ihren Landesvorsitzenden Jörg Urban haben sie auch mitgebracht. Aber nicht ihm wird auf dem Platz von Kamerateams aufgelauert, sondern Tillschneider. Das BSW sei eine „im ganzen Wortsinn linke Sache“, erfährt man von ihm. „Ich glaube denen kein Wort“, verneint er jede Option einer Zusammenarbeit. „Die sind nur da, um uns Stimmen abzunehmen.“ Wenn er dann behaupten kann, die „Regenbogenideologie“ wolle „95 Prozent des Mindsets ändern“, wird er sogar etwas emotional. Erst recht, als er die „Magie“ und den „Zauber“ von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund beschreiben soll. „Ein ganz wunderbarer Mensch und Politiker!“

Es geht um sehr viel am 6. September in Sachsen-Anhalt. Und doch geht es im Wahlkampf insgesamt weniger neurotisch, weniger verbissen und gehässig zu, wenn man ihn beispielsweise mit Sachsen vergleicht. „Es bleibt friedlich an den Ständen“, bestätigt auch Pfarrer Andreas Tschurn als Linkskandidat diesen Eindruck. „Pöbeleien kommen höchstens aus vorbeifahrenden Autos“. Es gibt Hoffnung, dass bei keinem der möglichen Wahlausgänge ein Bürgerkrieg ausbricht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen