Zusammenleben in Berlin: Treffpunkt mit Theater

Mit einem Festival will das Theater HAU nachbarschaftliche Beziehungen am Mehringplatz stärken. Dort stehen noch immer Bauzäune.

Zwei Frauen füttern sich gegenseitig mit Kuchen

Kuchen essen für gute Nachbarschaft am Kreuzberger Mehringplatz Foto: Piotr Pietrus

BERLIN taz | Auf einer kleinen Bühne auf dem Mehringplatz in Kreuzberg spielen Bands der nahe gelegenen Jugendmusikschule KMA. An einem Stand kann man sich kostenlos T-Shirts oder Stoffbeutel bedrucken lassen, an einem anderen wird gestickt. Und auf einem schattigen Plätzchen wird auf einem ausgelegten Rollrasen gepicknickt. Tabouleh und Falafel, dazu ein Börek oder eine Empanada, obendrein ein Apfel, eine Limo und ein Glückskeks. Alles zusammen für 2 Euro – billiger ist eigentlich nur noch geschenkt. Alle Zutaten des Picknicks kommen zudem aus umliegenden Lebensmittel-Shops.

Die Hitze liegt bleischwer über Berlin an diesem Samstag. Und doch ist einiges los bei der Kiez-Party, die das Theater HAU an diesem heißen Frühsommer-Nachmittag direkt am Mehringplatz veranstaltet.

Die Party findet im Rahmen des Festivals „Berlin bleibt! – Treffpunkt Mehringplatz“ statt, bei dem das HAU seine drei Häuser bespielt, die sich in unmittelbarer Nähe zum Mehringplatz befinden. Bei dem sich aber auch dezidiert herausbewegt werden soll aus den Institutionen, rein in das echte Leben, direkt auf den Mehringplatz, um den sich das Festival bis zum 2. Juli dreht. Um einen Platz also, der als sozialer Brennpunkt gilt in Berlin, wo ein vergleichsweiser hoher Anteil der Anwohnerschaft auf Sozialhilfe angewiesen ist und über 70 Prozent einen Migrationshintergrund haben.

Dass man sich ordentlich Mühe dabei gibt, nicht als Kulturschickeria aufzutreten, sondern auf Augenhöhe mit der Anwohnerschaft, zeigt sich überall auf dieser Kiez-Party.

Spontanes Kennenlernen

Zur Unterhaltung gibt es nicht nur die Musik auf der Bühne, sondern auch eine interaktive Performance der Künstlergruppe Gob Squad. Bei der können Unbekannte spontan miteinander in Kontakt treten und werden dabei in ein angeleitetes Gespräch verwickelt. Interessierte können über Kopfhörer das Kennenlernen verfolgen. Raus aus der Anonymität, rein in ein Miteinander – was die Performance im Sinn hat, appelliert generell an die nachbarschaftlichen Beziehungen hier am Mehringplatz, wo die unterschiedlichen migrantischen Communitys teilweise sehr segregiert nebeneinanderher leben.

Der Mehringplatz ist ein besonders krasses Beispiel für Murkserei bei der Stadtentwicklung in Berlin. Ein paar Meter weiter beginnt schon die Friedrichstraße als Tourismus-Hotspot und Flaniermeile. Hier aber bröckelt der Putz von den heruntergekommenen Sozialwohnungen. Die Anwohnerschaft klagt über Rattenplage, und Dealer haben den Platz zu ihrem Revier deklariert. Die Mieterinitiative „Mehringplatz West – Es reicht!“ versucht schon seit Jahren auf all diese Probleme aufmerksam zu machen.

Und seit über einer Dekade wird hier auch noch gebaut, in den letzten Jahren war der Platz gar weitgehend umzäunt und so gut wie unbegehbar, was einem sozialen Miteinander auch nicht unbedingt zuträglich war. Karin Lücker, Geschäftsführerin des Café MadaMe direkt am Mehringplatz, das darum bemüht ist, Preise niedrig zu halten, kann davon erzählen, wie es war, eine halbe Ewigkeit inmitten einer Baustelle zu leben. Die Bauarbeiten, sagt sie, seien so langsam vorangegangen, dass es hilfreich gewesen sei, „dabei zuzusehen, wenn man einschlafen wollte“.

Falsche Pflastersteine

Selbst für Berliner Verhältnisse sei hier außergewöhnlich viel herumgepfuscht worden. Falsche Pflastersteine aus China etwa seien angeliefert worden, die man dann nicht verwenden konnte. Die Tauben hätten die frischen Grassamen auf der Grünfläche rund um die Friedenssäule inmitten des Platzes weggepickt, dafür sei das Unkraut prächtig gediehen. Ständig habe es überall Lärm, Staub und Schmutz gegeben, „die Touristen, die hier vorbeikamen, meinten, hier möchten sie nicht einmal begraben werden“, sagt sie.

Nun ist es hoffentlich vorbei mit der Dauerbaustelle. Auch das soll gefeiert werden bei dem Festival.

Bei der Veranstaltung soll nicht nur innerhalb der Kulturblase bei Performances und Diskussionsrunden über Gentrifizierung und soziale Verwahrlosung eines ganzen Quartiers debattiert, sondern mit den Betroffenen interagiert werden. Auch der Mehringplatz soll so zur Bühne werden und das Theater wird aktivistisch. Dazu passt, dass rund um den Platz Plakate aushängen, die das Festival bewerben und bei denen Slogans wie „Die Stadt allen, die in ihr leben“ sofort ins Auge fallen.

Das Areal rund um die Siegessäule ist freilich immer noch weitläufig umzäunt. Wann sich das ändert, weiß auch Karin Lücker nicht.

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