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Zum Tod von Holger KlotzbachDer freundliche Zampano

Kurz vor seinem 80. Geburtstag ist der Mitbegründer der Showbühnen „Bar jeder Vernunft“ und „Tipi am Kanzleramt“ gestorben. Seine große Künstlerfamilie trauert.

2022 feierte Holger Klotzbach ein Jubiläum, für sich und für Berlin: 30 Jahre Bar jeder Vernunft und 20 Jahre Tipi am Kanzleramt Foto: imago
Jan Feddersen

Aus Berlin

Jan Feddersen

Mit dem freundlichen, gleichwohl kühlen Blick eines Betrachters vom ästhetischen Stadtmobiliar ließe sich sagen: Ohne ihn wäre Berlin – Hauptstadt der seit dem Fall der Mauer neuen Bundesrepublik – in jeder Hinsicht künstlerisch ärmer. Ungefähr so grau und einerlei, wie eine Millionenstadt im schmutzig schneearmen Winter nur sein kann.

Holger Klotzbach hat Berlin eine Kunst beschert, mit seinem Freund und Geschäftspartner Lutz Deisenbach, mit der Gründung der Bar jeder Vernunft – allein der Name! – und Jahre später mit der Filiale Tipi am Kanzleramt, die es zwischen bürgerlicher Opernallürenhaftigkeit, müdem Boulevard am Kudamm und verbleichendem Underground in den jeweiligen Szenevierteln einfach nicht gab. Revue, Operette, Entertainment.

„Das weiße Rößl“ etwa, angeblich verstaubteste Kultur, wurde in der Bar jeder Vernunft zu einem spektakulären Comeback in der Tradition der queeren Kulturen, die es in Berlin zuletzt in den Jahren der Weimarer Republik gab.

Offiziell-bürgerliche Szenen ahnten nicht, wie sehr sie beerbt werden würden durch diese Spielstätten

Klotzbach, der eine astreine linksradikale Vergangenheit als Theaterprinzipal mitbrachte, Akteur der 68er-Bewegung in Tübingen, sogenannter Organisationssekretär der „Proletarischen Linken/Parteiinitiative“, einer der vielen politischen Kuriosa jener Jahre des Aufbruchs der Bundesrepublik in sattelfestere Lockerheit der Sitten. Den Lehrerberuf, den er eigentlich ergreifen wollte, verfehlte er, staatlich bestimmt. Es galt auch für ihn der „Radikalenerlass“, der für Lehreranwärter galt, die die Bundesrepublik revolutionär umstricken wollten.

Zirkus-Roncalli-haft in die Berliner Luft gesetzt

Womöglich war das ein Glück für ihn, nicht in Schulen sein Dasein bestreiten zu müssen, sondern im künstlerischen Sektor. Dieser in Duisburg gebürtige Mann war schließlich in Westberlin Mitgründer des Schwarzen Cafés, Mitglied des Kabaretts „Die 3 Tornados“prima Zwischenetappen in den alternativen Szenen, von denen die offiziell-bürgerlichen Szenen nicht ahnten, wie sehr sie beerbt werden würden durch eben Spielstätten wie die Bar jeder Vernunft oder das Tipi.

Das erste Theater findet sich gut besucht auf einem ehemaligen Parkdeck im gediegenen Wilmersdorf, auch schon zeltartig, Zirkus-Roncalli-haft in die Berliner Luft gesetzt. Das Tipi ist ein Zeltdorf zwischen Regierungszentrale und Tiergarten, Juwelen beide „Häuser“, elegant und verspielt in einem. Atmosphärisch das Gegenteil vom Brutalismus noch der späten achtziger Jahre.

In dieser Theaterlandschaft des Holger Klotzbach war er der König, der Inspirator, der Ideenhaber, der Mann mit Feingefühl für die KünstlerInnen, die das gern begeisterungsfähige Publikum hochleben ließ. Ohne Klotzbach wären Maren Kroymann, Gustav Peter Wöhler, Katharine Mehrling, Georgette Dee, Gayle Tufts, Rainer Bielfeldt, Tim Fischer, Cora Frost, Meret Becker, Dominique Horwitz, Pigor & Eichhorn, Gitte Haenning, die Geschwister Pfister, Lisa Eckardt und Ades Zabel entweder verkannt geblieben oder nie zur Chance gekommen, als älter werdende Diseusen nicht ins Austragshäusl verbracht zu werden.

Er hat sich so sehr auf diesen Abend gefreut, in Übermut und Ungeduld, wie wir ihn kennen

Eric Schmidt-Mohan, Witwer von Holger Klotzbach

Holger Klotzbach, ein Kurator mit Fingerspitzengefühl, hat aus seinen Spielstätten, allen gelegentlichen Auslastungsproblemen zum Trotz, Berliner Marken gemacht – im Tipi begründete ein Politiker wie Klaus Wowereit seinen legendären Ruf, jenseits der Aktenstudien im Roten Rathaus ein schwules Abendleben zu haben, zum Feierbiest zu werden. Berlin sei „arm, aber sexy“ – dem Vernehmen nach als Marketingspruch in haushaltsknappen Zeiten im Tipi ausgebracht. Tipi und Bar jeder Vernunft waren mithin die Heimat, das Zuhause eines neuen Berlin-Gefühls: fern vom prinzipiellen Gemecker um alles und jeden, elegant und doch süffig, knuffig in der Aura und freundlich (ja, Berlin hat Orte der Freundlichkeit) zu allen.

Selbstverständlich schwul, lesbisch und erotisch ambivalent

Politisch waren die Vergnügungsstätten des Holger Klotzbach auf eine souveräne Weise durch ihn selbst (und seinen Mann) schwul, ohne dass es parolenhaft sich anfühlte. Im Tipi und in der Bar jeder Vernunft war es queer – was nicht ideologisch gemeint ist, sondern als Rauminstallation im Städtischen, in der Schwules, Lesbisches & erotisch Ambivalentes einfach selbstverständlich zu sein schien.

Am 23. Januar ist Holger Klotzbach gestorben, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Und das hieß für seine Theater: The shows must go on. Das Publikum weinte, als Klotzbachs Witwer, Eric Schmidt-Mohan, am Abend der Operettenpremiere „Frau Luna“ den Tod seines Mannes verkünden musste. Er sagte zum Publikum: „Und somit darf ich Sie einladen, mit uns gemeinsam dennoch zum Mond zu fliegen und diesen Abend zu feiern, wie es bei uns im Hause Sitte ist. Auf den Einladungen zu unserer Premiere steht explizit Holger Klotzbach, denn er hat sich so sehr auf diesen Abend gefreut, in Übermut und Ungeduld, wie wir ihn kennen. Und ich unterstelle ihm jetzt mal, dass die Ungeduld so groß war, dass er gestern schon vorausgeflogen ist zu den Sternen.“

Klotzbach, dem alten exlinksradikalen Magier der wirklich schönen Künste, hätte das gefallen. Mögen seine Theater auch ohne ihn leben, solange sie Berlin nötig hat. Also für immer!

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